Weltwährungsfonds präsentiert halbjährlichen Konjunkturausblick
Der Aufschwung hängt am seidenen Faden

Der IWF sieht den globalen Aufschwung von Risiken bedroht: Die Weltwirtschaft hänge zu sehr von der US-Konjunktur ab. Die Aktienmärkte blieben volatil - mit der Möglichkeit, dass die Kurse noch weiter fallen. In der Euro-Zone, vor allem in Deutschland, belaste die schwache Binnen-Nachfrage das Wachstum.

HB WASHINGTON. Kommt er oder kommt er nicht - der Aufschwung? Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind da eher pessimistisch. Sie sehen die wirtschaftliche Erholung durch eine Reihe von Risiken bedroht. In ihrem "World Economic Outlook", der dem Handelsblatt vorliegt, warnen Konjunkturfoscher des IWF insbesondere vor einem Problem: Die einzelnen Regierungen, heißt es in ihrem Strategiepapier, müssten dafür sorgen, dass die "Abhängigkeit von den USA als globaler Konjunktur-Lokomotive" verringert wird.

Weiter mahnen die IWF-Ökonomen an, die "gefährlichen globalen Ungleichgewichte", insbesondere das hohe Defizit in der US-Leistungsbilanz, zurückzufahren. Die Spannungen im Nahen Osten und ihre Auswirkungen auf den Ölpreis sowie die Gefahr weiterer Terroranschläge seien zusätzliche Belastungen. Seinen Wachstums-Prognosen hat der IWF einen durchschnittlichen Ölpreis von 24,40 Dollar pro Barrel für 2002 und von 24,20 Dollar für das nächste Jahr zu Grunde gelegt. Im Jahr 2001 betrug der durchschnittliche Ölpreis 24,28 Dollar pro Barrel.

Die starken Kurs-Korrekturen an den internationalen Finanzmärkten bezeichnet der IWF als "nicht besonders überraschend". Auch wenn die irrationalen Übertreibungen der späten 90er-Jahre weitgehend ausgeräumt seien, würden die Aktienmärkte "wahrscheinlich volatil bleiben, und die Kurse könnten weiter fallen". Die Schwäche an den Börsen erklärt der Fonds mit ungünstigeren Gewinnprognosen, der skeptischen Einschätzung der Konjunktur sowie den weit verbreiteten Zweifeln an der Buchführung der Konzerne - vor allem in den USA. Trotz der jüngsten Abwertung des Dollar sei die Überbewertung der US-Währung noch nicht korrigiert.

In den USA sieht der IWF trotz der Revisionen des Bruttoinlandsproduktes einen "moderateren Abschwung" als in den Rezessionen zuvor. Dies sei in erster Linie auf die "aggressive Geld- und Fiskalpolitik" zurückzuführen. Zurzeit dürften die Kurs-Rückgänge an den amerikanischen Aktienmärkten das größte Konjunktur-Risiko darstellen, da sie sich von Ende 2002 an deutlich auf den Konsum und auf die Investitionen auswirkten. Der US-Notenbank empfiehlt der IWF, ihre "angepasste Geldpolitik" fortzusetzen. Sollte sich die Welt-Konjunktur allerdings weiter abkühlen, könnten Zinssenkungen sinnvoll sein.

Der Aufschwung in der Euro-Zone hinke anderen Weltregionen hinterher, urteilen die IWF-Experten. Die Binnen-Nachfrage entwickele sich bisher weniger dynamisch als ursprünglich angenommen. Allerdings habe sich der Inflationsdruck durch den stärkeren Euro und die langsamere konjunkturelle Erholung abgeschwächt. Daher solle die Geldpolitik so lange unverändert bleiben, bis Anzeichen für eine "deutliche Belebung" der Binnen-Nachfrage vorlägen. Zinssenkungen könnten dann nötig werden, wenn sich das weltwirtschaftliche Klima verschlechtere.

Für Deutschland stellt der IWF eine auch im europäischen Vergleich schwache Binnen-Nachfrage fest. Die Bundesregierung müsse eine "deutliche fiskalpolitische Straf-fung" einleiten, wenn sie eine Über-schreitung der im Stabilitäts- und Wachstumspakt vereinbarten Defizit-Grenze von drei Prozent vermeiden wolle. Ähnliche Schwierigkeiten gebe es allerdings auch in Portugal, Frankreich und Italien. In Japan sei die Deflation ein "un-verändert ernstes Problem", schreiben die Ökonomen. Deshalb müssten "weitere aggressive geldpolitische Lockerungen" vorgenommen werden.

Die Entwicklung in den Schwellenländern verlaufe zunehmend unterschiedlich. Die Aussichten für Lateinamerika hätten sich durch die Krisen in Argentinien, Brasilien und Uruguay "deutlich verschlechtert". Dagegen falle die konjunkturelle Erholung in den asiatischen Schwellenländern stärker als erwartet aus, erklären die Konjunkturforscher des IWF.

Der komplette "World Economic Outlook" wird voraussichtlich am 25. September veröffentlicht, wenige Tage vor dem Herbsttreffen des IWF in Washington.

Quelle: Handelsblatt

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%