Weltweite Weinschwemme
Französiche Winzer protestieren gegen Preisverfall

In der südwestfranzösischen Hochburg der Spitzenweine ist jeder Fünfte vom finanziellen Ruin bedroht. Das Wahrzeichen einer ganzen Region ist in eine tiefe Krise geschlittert. Nun beginnt eine Art "Selbstreinigungsprozess".

HB PARIS/BORDEAUX. Die weltweite Weinschwemme mit der immer schärferen Konkurrenz aus südlichen Ländern bei gleichzeitig ständig sinkendem Weinkonsum in Frankreich selbst setzt den verwöhnten Winzern arg zu. Als die Stadt Bordeaux Anfang Juli die Freunde des Weins und der kulinarischen Köstlichkeiten zu ihrer traditionellen "Fête du Vin" an die Garonne einlud, standen die Zeichen in den umliegenden Weinbergen schon lange auf Sturm. Die Exporte des weltweit bekannten Bordeaux sind in den vergangenen zwölf Monaten um knapp ein Zehntel gesunken.

Auch die Preise im eigenen Land gehen immer mehr in den Keller. Für ein 900-Liter-Fass ist er bei 750 Euro angekommen, so dass viele Winzer kaum noch etwas in ihre Kasse bekommen. Auch wenn Spitzenweine von diesem schmerzhaften Absturz nicht berührt sind, ist es kein Wunder, dass die Weinbauern nun die Notbremse ziehen und auch Tabus brechen. Drei Mal sind protestierende Bordeaux-Winzer seit Mai auf die Straße gegangen - das hatte die Weinmetropole seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt.

Dann berief der Branchenverband CIVB eine Krisensitzung ein und fällte bisher beispiellose Entscheidungen: Alles, was über dem Ertrag von 50 Hektoliter pro Hektar liegt, bleibt im Weinkeller, bis die Preise wieder anziehen. Nicht nur der Verkauf soll gebremst werden. Es ist auch davon die Rede, Weinstöcke herauszureißen und den Qualitäts-Bordeaux deutlich von einem einfachen Landwein abzugrenzen. "Wir haben keine andere Wahl. Hunderte Winzern könnten noch 2004 die Keller schließen müssen", so befürchtet die Branche.

Manche begrüßen allerdings diesen "Selbstreinigungsprozess" als Auslese im Weinberg. Angespornt von einstmals prächtigen Zukunftsaussichten haben zu viele auf die Bordeaux-Welle gesetzt. In zwei Jahrzehnten wurden die Weinberge von etwa 75 000 auf mehr als 120 000 Hektar ausgeweitet - bis zum Überlaufen des Fasses also. In die Millionen gehen nunmehr die Hektoliter mit mehr oder weniger gutem Roten, der nicht auf den Markt kommt. Der Höhenflug der neunziger Jahre hatte es mit sich gebracht, dass auch in die letzte Ecke Weinstöcke gesetzt wurden. "Die Kleinen werden immer kleiner und die Großen immer größer", sagt ein Winzer aus dem Entre-deux-Mers-Gebiet resigniert.

Denn Krise im Weinberg hin, Krise her - der Bruchteil wirklich herausragender "Grand Cru"-Gewächse aus dem klassischsten aller Weingebiete bleibt von alledem unberührt. Im Gegenteil, beim Jahrgang 2004 verdoppelten sie glatt die Preise. Und sie brauchen sich wenig Sorgen zu machen, wie sie die Investitionen der Boomjahre wieder hereinbekommen, als das Fass noch für 1500 Euro wegging. Auf dem Weinfest in Bordeaux war für einige also Anlass, zusammen mit den Besuchern aus aller Welt zu feiern. Viele andere bliesen derweil Trübsal und hatten einen Kater.

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