Weltwirtschaft: Analyse: Gift für die Globalisierung

Weltwirtschaft
Analyse: Gift für die Globalisierung

Wer angesichts der Kriegswirren den wirtschaftlichen Überblick verloren hat, befindet sich in bester Gesellschaft. Selbst das ökonomische Orakel Alan Greenspan weiß nicht mehr, wie es mit der Wirtschaft weitergeht.

Wer angesichts der Kriegswirren den wirtschaftlichen Überblick verloren hat, befindet sich in bester Gesellschaft. Selbst das ökonomische Orakel Alan Greenspan weiß nicht mehr, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Die von ihm geführte US-Notenbank kapituliert vor der derzeitigen Unsicherheit und weigert sich schlicht, eine Konjunktureinschätzung abzugeben. Greenspan hofft, dass die Sicht wieder klarer wird, wenn sich der Rauch über dem Schlachtfeld im Irak gelichtet hat. Sicher ist das jedoch nicht. Droht doch die sicherheitspolitische Doktrin von US-Präsident Bush zu einem dauerhaften Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft zu werden.

Selbst wenn der Krieg gegen den Irak kurz und erfolgreich verläuft, wird die Welt nicht zur Ruhe kommen. Das Gegenteil könnte der Fall sein. Haben doch die Falken im Weißen Haus bereits die Weltkarte ausgebreitet, um weitere Schurkenstaaten für künftige Aktionen auszugucken. Ein Blitzsieg über Bagdad dürfte ihnen als Ansporn dienen. Bush hat die künftigen Konfliktherde mit seiner Rede von der "Achse des Bösen" vorgegeben: Neben dem Irak nannte er Iran und Nordkorea.

Das Paradoxon der US-Außenpolitik ist, dass sie ihr erklärtes Ziel, die Welt sicherer zu machen, konterkariert. Die jetzt gegen den Irak erstmals angewandte Bush-Doktrin eines präventiven Erstschlags ist unzureichend definiert und schürt deshalb bereits jetzt die Furcht vor weiteren Militäraktionen rund um den Globus. Der ständige Wechsel des Kriegsziels im Irak macht das Dilemma deutlich: Erst war es die Entwaffnung des Iraks, dann der Sturz von Saddam Hussein und zuletzt die Demokratisierung des Mittleren Ostens. Hinzu kommt, dass die von Bush angelegten Kriterien völlig willkürlich erscheinen. So konnte der US-Präsident bislang nicht erklären, warum er gegenüber der atomaren Provokation durch Nordkorea andere Maßstäbe anlegt als gegenüber dem Irak.

Diese Unklarheiten und Widersprüche sind Gift für die nach Stabilität suchende Weltwirtschaft. Sie sind sogar geeignet, den noch vor kurzem als unaufhaltsam geltenden Zug der Globalisierung zu bremsen. Welcher Manager eines international tätigen Konzerns kann in einer global vernetzten Welt langfristige Investitionsentscheidungen treffen, wenn der Weltpolizist USA unberechenbar ist? Wie sollen Freihandel und Kapitalverkehr gedeihen, wenn die halbe Welt der größten Volkswirtschaft der Erde misstrauisch gegenübersteht? Wir sollten uns nicht von einem möglichen konjunkturellen Strohfeuer nach dem Irak-Krieg täuschen lassen. Wenn die Hardliner im Weißen Haus es ernst meinen - und daran kann niemand mehr zweifeln -, stehen wir vor einer Periode anhaltender Unsicherheit.

Das forsche Vorgehen Amerikas ist eine Reaktion auf die doppelte Bedrohung durch Terroristen und Massenvernichtungswaffen. Auch sie schafft Unsicherheit und lähmt die Wirtschaft, wenn man ihr nicht klug und entschlossen entgegentritt. Will man jedoch den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben, müssen die USA ihre neue Sicherheitspolitik überarbeiten. Wer die Konflikte vom Ende her denkt und ihre Folgen für die Stabilität rund um den Globus berücksichtigt, muss zu dem Schluss kommen, dass die Supermacht Amerika nur gemeinsam mit der Völkergemeinschaft den Weltfrieden sichern kann. In einer Welt, in der das Recht des Stärkeren die internationale Ordnung ersetzt, können weder Friede noch Wirtschaft gedeihen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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