Weltwirtschaft
Kommentar: Kriegskater

Die Welt steht Kopf. Am Tag der Befreiung Bagdads sinkt der Dow-Jones-Börsenindex um mehr als 100 Punkte. Haben die Börsianer die historische Bedeutung des Sieges über Saddam Hussein nicht begriffen?

Die Welt steht Kopf. Am Tag der Befreiung Bagdads sinkt der Dow-Jones-Börsenindex um mehr als 100 Punkte. Während die Menschen jubelnd durch die irakische Hauptstadt ziehen, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) vor einer weltweiten Konjunkturflaute. Haben die Börsianer die historische Bedeutung des Sieges über Saddam Hussein nicht begriffen? Ist ein schnelles Ende des Krieges nicht das, worauf insbesondere die Wirtschaft gehofft und gewartet hat? Ja und nein. Zwar hat das jetzt absehbare Ende des Krieges den Schleier der Unsicherheit gehoben. Dabei zum Vorschein kommen jedoch jene alten Probleme, die das Wachstum rund um den Globus bereits vor dem Krieg gelähmt haben.

Am stärksten ist die Rückkehr in den grauen Alltag an der Wall Street zu spüren. Die Börsianer wenden sich von den CNN-Bildern aus Bagdad ab und den Fundamentaldaten der Wirtschaft zu. Und die sehen im Moment alles andere als rosig aus. Kurz vor Beginn des Ergebnisreigens aus dem ersten Quartal übersteigt die Zahl der Gewinnwarnungen in den USA die der positiven Überraschungen. Viele Firmen entschuldigen ihr mäßiges Abschneiden mit den Kriegswirren. Inwieweit es sich dabei um einen Vorwand handelt, um eigene Schwächen zu verschleiern, wird man erst in ein paar Monaten erfahren.

Ein ähnliches Versteckspiel findet in der Weltwirtschaft statt. Die US-Wirtschaft schöpft seit fast einem Jahr ihr Wachstumspotenzial nicht aus. Das kann nicht nur am Irak-Krieg liegen. Die hohe Verschuldung der Verbraucher, steigende Haushaltsdefizite und das täglich größer werdende Loch in der Leistungsbilanz halten die amerikanische Wirtschaft in einer Schieflage. Noch trostloser ist die Situation in Europa und Japan. Hier sind die Wachstumszahlen noch niedriger und die strukturellen Probleme auf den Arbeits-, Güter- und Kapitalmärkten noch größer. Der Konflikt am Persischen Golf hat den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft nur eine kurzfristige Verschnaufpause verschafft. Der Reformeifer ist erlahmt, während gleichzeitig der Reformdruck steigt.

Die klammheimliche Hoffnung vieler Europäer, dass die US-Wirtschaft den Karren der Weltwirtschaft schon irgendwie aus dem Dreck ziehen wird, ist angesichts der Probleme Amerikas nicht nur illusorisch, sondern auch gefährlich. Verstärkt sie doch das globale Ungleichgewicht und bürdet der ächzenden US-Wirtschaft noch mehr Lasten auf. Ein Schnupfen in Amerika reicht, und der Rest der Welt liegt mit Grippe im Bett.

Die verfahrene Situation ruft förmlich nach einer konzertierten Hilfsaktion für die Weltwirtschaft. Das Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrienationen am Wochenende in Washington bietet eine ideale Gelegenheit, die Rollen global neu zu verteilen. So unterschiedlich die Probleme der einzelnen Länder auch sein mögen, so ist doch offensichtlich, dass alle mehr Verantwortung für die Weltkonjunktur übernehmen müssen. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen und unverbindliche Erklärungen zu verabschieden, sind jetzt Taten gefordert. Die Amerikaner sollten ihre Finanzen in Ordnung bringen; Europäer und Japaner müssen mehr für das eigene Wachstum tun. Dazu gehören nicht nur langfristige Reformen, sondern auch niedrigere Zinsen und Steuern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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