Weltwirtschaftsforum: Unternehmen fürchten totale Überwachung

Weltwirtschaftsforum
Unternehmen fürchten totale Überwachung

Die Kritik der Unternehmen an der zunehmenden staatlichen Überwachung ihrer Geschäfte wächst. Auf der Jahresversammlung des Weltwirtschaftsforums in Davos äußerten viele Top-Manager die Befürchtung, dass es die Regierungen in Reaktion auf spektakuläre Firmenskandale mit neuen Regulierungen übertreiben. Während in Europa noch neue Gesetzesverschärfungen und Überwachungsinstanzen vorbereitet werden, diskutieren US-Manager darüber, ob der Staat mit dem Sarbanes-Oxley-Gesetz über das Ziel hinausgeschossen ist.

HB DAVOS. Dass Corporate America versagt hat, ist dabei unumstritten. "Betrug und Fehlverhalten haben Arbeitsplätze und Vermögen vernichtet, während die Bezahlung der Vorstandschefs von Jahr zu Jahr steigt", fasst William G. Parrett, Vorstandschef der Wirtschaftsprüfungsfirma Deloitte Touche Tohmatsu die Ereignisse der vergangenen Jahre zusammen. Das unethische Verhalten einiger Unternehmen habe die Diskussion über die Strukturen des freien Unternehmertums ausgelöst und zu einer strengeren Überwachung der Wirtschaft geführt. Doch eine immer ausgefeiltere Kontrolle der Unter-nehmensbilanzen und Führungsstrukturen könne nicht die Antwort sein, warnte Orit Gadiesh, Chairman der Unternehmensberatung Bain & Company. Wenn Manager immer mehr Formulare ausfüllen müssten, dann lenke sie das von ihren eigentlichen Aufgaben ab und lähme unternehmerisches Handeln - doch nur das schaffe Wachstum. Betrug habe im vergangenen Jahr mehr als 200 Mrd.$ Wert vernichtet, argumentierte sie, doch unternehmerisches Versagen habe zu Verlusten von 2,5 Bill.$ geführt. Es leite also in die Irre, wenn man sich nur auf die Betrüger konzentriere.

"Was die Veröffentlichungsregeln anbelangt, haben wir die Grenze des Vernünftigen schon überschritten", kritisierte auch Bertrand Collomb, Chairman des französischen Baustoffherstellers Lafarge. Unternehmen veröffentlichten zwar auf Geheiß der US-Aufsichtsbehörden Stapel von Papier, doch die mangelnde Gewichtung der Informationen schränke den Nutzen für die Öffentlichkeit stark ein. Dass diese Kritik unter Unternehmenslenkern weltweit stark verbreitet ist, bestätigt die jährliche Global CEO Survey von Pricewaterhouse Coopers. Die aktuelle Umfrage unter 1 400 Vorstandschefs zeigt, dass diese sich durch Überre-gulierung stärker bedroht fühlen als durch Terrorismus. Diese Gefahr wird von europäischen CEOs sogar deutlich höher eingeschätzt als von US-amerikanischen - was daran liegen dürfte, dass in Europa noch Vieles in Vorbereitung ist, was in den USA bereits umgesetzt wurde.

"Ich rechne damit, dass der Skandal um Parmalat die Schaffung einer EU-weiten Aufsichtsbehörde für Wirtschaftsprüfer beschleunigen wird", sagte Herbert Müller, Deutschlandchef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, dem Handelsblatt. Die USA haben eine solche Behörde eingerichtet, um die Arbeit der Buchprüfer zu kontrollieren und für zuverlässigere Firmenbilanzen zu sorgen. In Deutschland befürchten die vier großen Wirtschaftsprüfungsfirmen sogar, mit noch härteren Auflagen belegt zu werden als ihre US-Kollegen. Mit einer Intervention bei Bundes-wirtschaftsminister Wolfgang Clement haben sie versucht, zu verhindern, dass die Trennung von Prüfungs- und Beratungsleistungen strenger gefasst werden als in den USA. Doch angesichts des Parmalat-Skandals rechnet Müller nicht mehr damit, dass die entsprechende Regelung in dem Gesetzentwurf, den im Februar das Kabinett behandeln soll, noch entschärft wird.

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