Wende bei Gewinnprognosen: Verhältnis von Herauf- zu Herabbstufungen verbessert sich
Bessere Konjunkturdaten überraschen die Analysten

Lange kannten die Gewinnprognosen der Analysten nur eine Richtung: abwärts. Doch zuletzt haben einige Experten ihre Schätzungen nach oben korrigiert. Sie wurden von den guten Konjunkturdaten überrascht. Anlagestrategen werten die Wende positiv.

FRANKFURT/M. Bill McQuaker von der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) kann es kaum fassen: "Wir sind einfach baff, wie viele Analysten jetzt ihre Schätzungen erhöhen", sagt der Londoner Börsenexperte. "Offenbar wurden viele Analysten von den jüngsten positiven Konjunkturdaten überrascht", erklärt Christian Stocker, Aktienstratege der Hypo-Vereinsbank. Vor dem Hintergrund des besseren Ifo-Geschäftsklimas und europaweit aufgehellter Wirtschaftsindikatoren erscheint jetzt manche Prognose zu pessimistisch.

Bislang fiel bei den Prognosen vor allem die Masse von Herabstufungen auf. Doch seit kurzem korrigieren immer mehr Analysten ihre Schätzungen für 2002 und 2003 nach oben. "Das ist ein Hoffnungsschimmer für die Börsen", sagt Vereinsbanker Stocker. Auch das Strategieteam der Deutschen Bank sieht das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen als positives Börsensignal, denn der Deutsche Aktienindex (Dax) folgt den Prognoseänderungen oft auf dem Fuß.

Das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen gibt Auskunft darüber, ob die Analysten eher pessimistischer oder optimistischer geworden sind, was die Firmenerträge angeht. Einige erhöhen derzeit erstmals wieder ihre Ertragsprognosen oder reduzieren sie zumindest nicht weiter. Das dürfte Investoren neues Vertrauen geben. Denn viele Kennzahlen zur Aktienbewertung basieren auf Gewinnprognosen - und diese wurden laufend nach unten angepasst. So brach immer wieder der Boden weg, auf dem die Kaufempfehlungen der Banker standen.

Experte: Kursrückgang bei Technologieaktien für Käufe zu nutzen

"Seit Oktober hat der Druck auf die Ertragsschätzungen deutlich nachgelassen", konstatiert Gerhard Schwarz, Leiter des Strategieteams der Hypo-Vereinsbank. "Und wenn man sich wieder einigermaßen auf die Gewinnschätzungen für 2003 verlassen kann, dann kann man auch mehr Vertrauen in die günstige Bewertung setzen", sagt Schwarz. Er erwartet einen Kursanstieg der europäischen Börsen um rund fünfzehn Prozent in sechs bis neun Monaten. Denn das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien im Euro-Stoxx-Index liege auf Basis der geschätzten 2003-Gewinne deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt.

Letztlich waren die vielen Herabstufungen eine Folge der Spekulationsblase an den Börsen. Denn mit den Kursen eilten auch die Ertragsprognosen der Realität weit voraus. Das galt besonders für Technologiewerte. Hier verzeichnet Vereinsbanker Stocker jetzt den radikalsten Umschwung. "Da ist eine irrsinnige Dynamik vorhanden", sagt er.

Stocker hat die Firmen im Branchenindex DJ Euro-Stoxx Technology unter die Lupe genommen. Dort verbesserte sich das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen auf zuletzt 1,44. Im Klartext: Derzeit erhöhen im Schnitt 144 Analysten ihre Ertragsprognosen für je 100, die ihre Schätzung senken. Auf dem Tiefpunkt im Oktober gab es dagegen nur 19 Heraufstufungen pro 100 Herabstufungen. Stocker rät, einen Kursrückgang bei Technologieaktien für Käufe zu nutzen.

Laut CSFB-Experte McQuaker sind die Analysten auch bei Industriekonzernen und zyklischen Konsumwerten optimistischer. Viele Heraufstufungen verzeichneten der Bergbauriese Rio Tinto und der schwedische Zellstoffhersteller SCA. Auch die Fluglinie Air France und die Hotelgruppe Hilton zählen zu McQuakers Favoriten.

Bleibt die bange Frage, ob das Pendel nicht wieder zurückschwingt. Dieses Risiko sieht die Deutsche Bank. Anlagestratege Bernd Meyer fürchtet, dass die 2003-Analystenprognosen für die Dax-Unternehmen zu hoch sind. "Die Schätzungen gehen davon aus, dass die Gewinnmargen der Dax-Firmen 2003 auf den höchsten jemals erreichten Wert steigen", argumentiert Meyer. Sollte sich diese Erwartung als zu optimistisch erweisen, dürften neue Herabstufungen folgen.

Auf kurze Sicht bleibt Hypo-Vereinsbank-Stratege Schwarz aber zuversichtlich: "Ich glaube nicht, dass die Analysten ihre Schätzungen reduzieren, wenn in den nächsten Wochen die Berichtssaison für das erste Quartal beginnt." Viele Firmen hätten vorab einen positiven Ausblick auf das zweite Halbjahr 2002 gegeben - "und davon wird angesichts des positiven Konjunkturtrends kaum ein Unternehmen abweichen", sagt Schwarz.

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