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Wenig Entspannung in Japan

Die außerordentlich kritische Lage dauert an", sagte kürzlich Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi. In der Tat: Japan steckt tief in der Rezession. Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds gehen für 2001 von einem um 0,4 Prozent schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt aus, für 2002 erwarten sie ein Minus von einem Prozent.

Die Binnennachfrage ist schwach, die Unternehmen drosseln die Produktion und streichen Stellen. Wie die Strategen der Deutschen Bank betonen, sind von der Regierungsseite kaum positive Impulse zu erwarten. Der fiskalpolitische Spielraum sei durch sinkende Steuereinnahmen und bestehende Budgetdefizite stark eingeengt.

Hinzu kommt: Immer noch sitzen die Banken auf vielen faulen Krediten. So konstatiert Lilian Haag, Fondsmanagerin bei der DWS: "Der Bankensektor befindet sich auf einem neuen Tief." Es bestehe nur Aussicht auf eine Änderung der Lage, wenn es entweder zu mehreren Konkursen komme und die Banken anschließend vom Staat übernommen würden oder wenn öffentliche Gelder in den Bankensektor fließen, sagt Haag. Vor kurzem gab die öffentliche Agentur Financial Services Agency bekannt, eine Unterstützung der Banken mit öffentlichen Mitteln halte sie für"nicht notwendig". Auch Verstaatlichungen der Finanzinstitute seien nicht geplant - "es geht also weiter bergab", zieht Haag Bilanz.

So raten denn auch die globalen Strategen Bijal Shah und Dhaval Joshi von Société Générale Equity Research bei Japan zum Untergewichten, und die SEB empfiehlt Anlegern kurz und bündig, sich bei Engagements in Japan zurückzuhalten.

Doch es gibt einige Japan-Experten, die trotz der gegenwärtigen Wirtschaftsmisere meinen, dem Anleger winkten am Tokioter Aktienmarkt auf mittlere Sicht Gewinne. Haag etwa - ebenso wie DIT-Fondsmanager Andreas Frenzel - erwarten, dass sich die Wirtschaft in den USA im zweiten Halbjahr 2002 erholen dürfte und dass dieser Aufschwung auch die japanische Börse positiv beeinflussen werde. Eine globale Erholung könnte den Markt bis Ende nächsten Jahres um bis zu 20 Prozent nach oben ziehen, ist Haag optimistisch. Die Londoner Japan-Experten der Commerzbank, Chris Rigg und Michael Mullane, sehen den Nikkei-225-Index am Jahresende bei 15 000 Punkten; derzeit notiert das Marktbarometer bei gut 10 450 Stellen. Selbst der in Bezug auf Japan derzeit pessimistische Deutsche-Bank-Stratege Bernd von Winter rechnet auf Sicht von zwölf Monaten mit bis zu 12 000 Punkten.

Abgesehen davon kommt der gegenwärtig schwache Yen exportorientierten Werten zugute. Und die japanische Währung dürfte sich gegenüber dem US-Dollar weiter abschwächen, sind Beobachter überzeugt. Haag rechnet mit einem Rückgang von derzeit etwa 128 Yen auf 135 Yen je Dollar. Die Analysten von Morgan Stanley rechnen mit einem kurzfristen Absinken zumindest bis auf 137 Yen und halten einen Abschwung in den kommenden drei bis sechs Monaten auf bis zu 159 Yen je Dollar für möglich.

Von der Lösung der Bankenkrise hängt viel ab

Patrick Franke, Volkswirt bei der Commerzbank, verweist darauf, dass die Entwicklung der Währung davon abhänge, ob und wie die Bankenkrise bereinigt werden kann. In dieser Hinsicht seien zwei Szenarien denkbar: Zum einen könnte sich die Krise zuspitzen, eine Teilverstaatlichung der Banken wäre die Folge. Die japanische Währung dürfte dann während der Eskalation bis auf etwa 145 Yen je Dollar fallen, anschließend jedoch einen Erholungskurs einschlagen, sobald sich eine Lösung des Konflikts abzeichne. Das zweite Szenario - das Frankes Kollege in Tokio übrigens für wahrscheinlicher hält - sei: Alles bliebe beim Alten, die Politiker brächten keine Reformen zu Stande. Dann sei mit einer längerfristigen Talfahrt des Yens zu rechnen.

Von der wahrscheinlich anhaltenden Yen-Schwäche dürften Exportwerte profitieren. Haag rät zudem, auf ertragsstarke Unternehmen mit positivem Cash-Flow und geringer Verschuldung zu achten. Dazu zählt sie Honda Motor, NTT Docomo, Nintendo, Ricoh, Fanuc und Takeda Chemical. Ferner empfiehlt sie Tokyo Electron, einen Ausrüster für Chiphersteller, Hoya, einen Produzenten optischer Gläser, und den Sicherheitstechnik-Hersteller Secom. Auch die Analysten von Goldman Sachs legen den Investoren nahe, Firmen mit soliden Bilanzen zu wählen. Zu ihren Favoriten gehören ebenfalls Nintendo und Takeda Chemical. Rigg und Mullane Chris trauen unter anderem wegen des schwachen Yens Honda und Toyota Kursgewinne zu. Obwohl Technologietitel ansonsten unterzugewichten seien, empfehlen sie die Exportwerte Nintendo, Canon und Sony zum Kauf. Zudem sei Japan Telecom interessant, da die Gesellschaft vom neuen Managementteam profitieren werde, das von Vodafone rekrutiert wurde.

Wem es zu riskant ist, Einzeltitel zu kaufen, der ist mit Fonds gut beraten. Das Erfolgsrezept von Fondsmanagerin Naoko Takemura, die in Hongkong den von der österreichischen Kapitalanlagegesellschaft Carl Spängler aufgelegten "Japan GrowthTrust" managt: Konzentration auf Wachstumswerte. Derzeit ist der Fonds ihren Angaben nach übergewichtet in den Sektoren Gesundheitswesen, Immobilien und in Technologiewerten. Takemura rät wegen schlechter Wachstumsaussichten für die nächsten zwei Jahre von den Sektoren Banken, Automobilbau und Versorger ab. Kürzlich hat sie Photonics zugekauft, einen Hersteller von Feinpräzisions-Messgeräten. Die drei Schwergewichte im Fonds sind: Colin, Venture Link und Nipro. Colin sei Weltmarktführer bei Blutdruck-Messgeräten, und besonderes Wachstum verspreche ein Gerät zur Messung von Arterienverkalkung. Nipro sei ein Pionier bei der Herstellung von Glas für Ampullen. Die Produkte gewännen kontiniuierlich Marktanteile. Venture Link verfüge als Franchise-Vermittler über ein einzigartiges Geschäftsmodell.

Fondsmanager Kenichi Mizushita von Fidelity sucht sich für seinen Fonds Marktführer in vielversprechenden Nischen aus. So setzt er unter anderem auf HIS, ein Reisebüro, das einen Wettbewerbsvorteil im Bereich Billigflüge und Pauschalreisen habe.

In japanische Aktien oder Fonds sollten Anleger nach der Empfehlung von Experten derzeit nicht mehr als zehn Prozent des Depots stecken. Haag: "Noch ist die Gefahr groß, dass es zu wirtschaftlichen Schocks und Rückschlägen an der Börse kommt."

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