Wenig fundierte Gründe für Aktienkauf
US-Börsenkolumne: Fuß vom Gas – es könnte teuer werden

Fuß vom Gas, diese Aufforderung nehmen Investoren leider schon am Freitag wörtlich. Gemächlich ziehen sie ins Wochenende, und den Markt lassen sie tief im roten Bereich hängen. Früh auf die Tube zu drücken kann auch an der Börse ins Geld gehen, und tatsächlich gibt es im Laufe des Handels wenig fundierte Gründe, Aktien zu kaufen.

NEW YORK. "Es steht jetzt 7:2 für uns", merkte mein Kollege im deutschen Mutterhaus am Vormittag an, als ich ihn noch einmal auf das lange Wochenende hinwies. Deutschland: sieben Feiertage - USA: 2 Feiertage. Da besteht Nachholbedarf, kaum ein New Yorker Trader bleibt über Memorial Day Weekend in der Stadt. Raus in die Hamptons geht?s, zum Wandern in die Berge oder die Küste runter an den Strand. Der Nachrichtensender CNN warnt sogar auf seinen Finanzseiten: Fuß vom Gas, es wird geblitzt! Und "speeding" ist in Amerika ganz schön teuer.

Fuß vom Gas, diese Aufforderung nehmen Investoren leider schon am Freitag wörtlich. Gemächlich ziehen sie ins Wochenende, und den Markt lassen sie tief im roten Bereich hängen. Früh auf die Tube zu drücken kann auch an der Börse ins Geld gehen, und tatsächlich gibt es im Laufe des Handels wenig fundierte Gründe, Aktien zu kaufen.

Dabei hat das überraschend nach unten revidierte Bruttoinlandsprodukt noch am wenigsten Auswirkungen auf den Handel. Obwohl der Markt erwartet hatte, dass das Handelsministerium das Wachstum für das erste Quartal auf 6% nach oben korrigieren würde (einige Optimisten hatten auf 6,3% getippt), sind die neuen Zahlen auf dem Parkett kein Gesprächsthema.

Im Gegenteil: Analysten setzen sich im stillen Kämmerchen an ihre Rechner und treffen Prognosen für das weitere Wachstum der US-Wirtschaft in 2002. Mit quartalsweisen Raten von 4,5% rechnet Merrill Lynch, mit 4,2% rechnet die ABN Amro.

Vielmehr als um die Konjunkturprognosen hören Anleger auf den anhaltenden Pessimismus aus den Unternehmen. Nachdem Sun Micro am Vortag zwar Umsatz und Gewinn in Höhe der Erwartungen bestätigt hatte, dabei aber einräumen musste, dass die Bestellungen hinterherhinken, steht High-Tech erneut auf der Abschussliste. Und zwar pauschal und durch alle Sektoren. Netzwerk, Hardware, Software, alle parken übers Wochenende im roten Bereich.

Am Schlimmsten hat es zum Wochenschluss jedoch den Chipsektor erwischt. Goldman Sachs sieht die Branche noch immer am Boden und stuft die Zulieferer ab. Dass die Kollegen von Salomon Smith Barney sofort zur Stelle sind und zumindest Applied Materials und Novellus verteidigt, rettet den Sektor nicht.

Grüne Pfeile gibt es zum Wochenschluss auch, und zwar bei Biogen. Doch steht das Unternehmen mit einem Plus von 20% mittlerweile alleine da. Noch am Vorabend war der ganze Biotech-Sektor nach einer vielleicht branchenwirksamen Grundsatzentscheidung der FDA in die Höhe geschossen, am Freitag drücken Gewinnmitnahmen die Branche wieder ins Rote.

Dem urlaubenden Trade sei bei allem Rot-Grün-Geflackere daher noch eines mit auf den Weg gegeben. Nicht nur den Fuß vom Gas nehmen, sondern auch an der Ampel zweimal hinschauen. Sonst knallt?s.

© Wall Street Correspondents

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