Wenig Hoffnung auf Rettung von Opfern nach erstem Beben
Erneut schweres Erdbeben in Mittelitalien

Die Stadt San Giuliano di Puglia in Mittelitalien ist am Freitagnachmittag erneut von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Nach dem ersten schweren Beben vom Donnerstag ist die Zahl der Todesopfer am Freitag auf 26 gestiegen. Die Hoffnung auf Rettung Überlebender sank dagegen: Rettungskräfte bargen am Mittag die Leichen zweier Kinder aus einer eingestürzten Schule in dem Ort San Guiliano di Puglia.

Reuters SAN GIULIANO DI PUGLIA. Das nationale geophysikalische Institut in Rom bestätigte ein Beben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala. Berichte über Verletzte lagen zunächst nicht vor. Bereits am Donnerstag hatte ein schweres Beben den Ort in der Region Molise erschüttert und eine Schule zum Einsturz gebracht. In deren Trümmern suchten Rettungskräfte verzweifelt nach Verschütteten. Doch die Hoffnungen schwanden, dass mehrere vermisste Kinder und ein Lehrer noch gerettet würden. Bei dem Beben am Donnerstag waren mindestens 29 Menschen getötet worden.

Augenzeugen berichteten, ein lang anhaltender Erdstoß habe die Stadt in der Region Molise erschüttert. Die Laternenmasten schwankten. Von den Gebäuden fielen Trümmer herab. Menschen gerieten in Panik. Viele Anwohner versuchten, in ihren Autos aus der Stadt zu fliehen und verstopften die Straßen, so dass Rettungswagen kaum durchkamen.

Rettungskräfte zogen die bislang letzte Leiche aus den Trümmern der Schule, als erneut die Erde bebte. Das Beben am Donnerstag hatte eine Stärke von 5,4 erreicht. 26 Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren und ein Lehrer wurden bislang tot aus dem Schutthaufen gezogen, der einmal ihre Schule war. Zwei Frauen starben, als ihre Häuser einstürzten.

Rettungskräfte haben wenig Hoffnung auf Überlebende

Rund 35 Menschen, die meisten von ihnen Kinder, konnten lebend aus dem Schutthaufen befreit werden, der einmal ihre Schule war. "Für Kinder wäre es schwierig, bei diesen Bedingungen lange zu überleben", sagte der Zivilschutz- Beauftragte Ernesto Angelotti. Die Temperaturen waren über Nacht auf rund sechs Grad Celsius gesunken. "Ich fürchte, es gibt wenig Hoffnung", sagte er. Die Wärmedetektoren hätten keine neuen Hinweise auf Überlebende erbracht. Es sei nichts mehr zu hören. Am Vorabend waren Stimmen aus den Trümmern gedrungen.

Hoffnung keimte auf, als Behörden über einen am Freitagmorgen lebend geborgenen Jungen berichteten. Doch der Bericht erwies sich als Irrtum. "Leider konnte an diesem Morgen niemanden mehr lebend aus den Trümmern gezogen werden", sagte Mario Morcone, der die Rettungsarbeiten vor Ort koordinierte.

"Warum nur ist das geschehen? Warum haben sie meinen Sohn nicht gefunden", schrie ein verzweifelter Vater. Eine Frau hielt die Tasche ihres Kindes fest umklammert und starrte vor sich hin. Mitarbeiter des Roten Kreuzes kümmerten sich um sie.

Das Beben am Donnerstag hatte San Giuliano di Puglia erschüttert, als die Kinder am Morgen gerade Halloween feierten. Mehr als 3 000 Menschen verloren ihr Obdach. "Es ist wie im Krieg. Es ist, als ob der Ort bombardiert wurde", sagte ein 69-Jähriger. Die Regierung verhängte den Notstand über Molise.

Achtjähriger nach 16 Stunden aus Trümmern gerettet

In der Nacht war ein achtjähriger Junge gerettet worden, der mehr als 16 Stunden neben einem toten Mädchen ausharren musste. Er sei mit einem Schulterbruch und zwei gebrochenen Beinen in ein Krankenhaus eingeliefert worden, berichteten Retter. Verzweifelte Eltern hielten in der Nacht Wache vor den Trümmern und warteten auf Nachrichten über ihre verschütteten Kinder. "Ich werde mit ihm sterben, ich werde mit ihm sterben", schrie eine junge Mutter, deren Sohn noch unter den Trümmern lag. "Heilige Mutter Gottes. Mein armes Kind", rief ein Mann und fiel in Ohnmacht.

Rettungskräfte bemängelten, die Mauern der Schule seien zu schwach gebaut, um das Gewicht des Daches tragen zu können. "Dies alles hätte vermieden werden könne", sagte einer der Helfer vor den Trümmern, in denen Spielzeug verstreut lag. "Die Erbauer der Schule hätten Konstruktionsfragen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen."

Ministerpräsident Silvio Berlusconi machte sich vor Ort ein Bild über die Zerstörungen und sagte: "Es gibt nichts zu sagen. Es ist eine Tragödie." Präsident Carlo Azeglio Ciampi sprach dem Bürgermeister von San Giuliano di Puglia, Antonio Borrelli, das Mitgefühl des gesamten Landes aus. Auch Borrelli hat seine Tochter in der Schule verloren.

Bundespräsident Johannes Rau drückte Berlusconi und den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus. "Mein Mitgefühl gilt allen, die den Tod ihrer Lieben und Freunde betrauern müssen oder ihr Hab und Gut verloren haben", schrieb Rau.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%