Wenig Know-how
Mehr Zukunft!

Innovation ist mittlerweile überwiegend mit Technologie verbunden. Gleichzeitig gilt Unwissenheit im Bezug auf Dinge wie Handys und Internet als eine Art sympathische Schwäche. Als Initialzündung für wissenschaftliche Realität könnte dabei wissenschaftliche Fiktion werden.

Es gibt Momente, in denen wünscht man sich ganz schnell ein Beißholz. Die Cebit-Eröffnung war so ein Fall. Da grinst der deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (!) zur Eröffnung der weltgrößten Computermesse in die Kameras und verkündet kokett: „Das Handy bedienen, das ist schon viel. Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.“ Es ist nur ein einziger Grund vorstellbar, warum die Opposition Michael Glos nicht umgehend zum Rücktritt aufforderte: Die Abgeordneten lassen das Internet ebenfalls durch ihre Bürokräfte „bedienen“.

In dem Land, das so gerne damit angibt, Exportweltmeister zu sein, ist Technik-Muffeligkeit ausgesprochen salonfähig – das ändert auch keine podcastende Kanzlerin. Und es sind bei weitem nicht nur Problembären wie Michael Glos: Etliche Intellektuelle finden es geradezu schick, sich moderner Technik zu verweigern. Doch wer die Möglichkeiten der Gegenwart nicht begreift, verliert das Gespür für die Zukunft. Die Reise dahin wird zur ziellosen Blindfahrt. Anhalten können wir trotzdem nicht: „Die Tatsache, dass du kein Interesse an der Zukunft hast, bedeutet nicht, dass die Zukunft das Interesse an dir verloren hat“, sagt Science-Fiction-Autor Bruce Sterling.

Wer aber hierzulande nach vorne blickt, tut das mit Leichenbittermiene. Vor uns liegen die Unwägbarkeiten der Globalisierung, das Rentendebakel, die überalterte Gesellschaft, Informationsüberflutung und Werteverfall – am besten gar nicht hinsehen.

Bei allem gebotenen Realismus: Ein wenig mehr Utopie könnte das Land durchaus vertragen. Ein paar mutige Gedanken, abenteuerliche Ideen, ein wenig Spinnerei. Leute wie Glos brauchen keinen Internet-Anfängerkurs, sondern ein paar gute Science-Fiction-Romane. Denn wer sein Hirn auch mal ungezügelt mit allen erdenklichen Varianten der Zukunft jonglieren lässt, wird neugierig auf die Gegenwart und ihre Möglichkeiten. Gerade weil die Zukunft noch nicht geschrieben ist, ist aufgeschriebene Zukunft ein so hervorragendes Gelände für gefahrloses Gehirn-Jogging. Dann klappt’s auch irgendwann mit der E-Mail. Gell, Herr Glos?

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