Wenig Platz für Sentimentalitäten
Abschied vom "Jahrhunderttalent" Ballack

"Michael ist ein Jahrhunderttalent. Er kann besser als Franz Beckenbauer werden", lobte ihn sein Trainer Toppmöller, der wesentlichen Anteil an Ballacks Durchbruch zum Weltklassespieler hat, zum Abschied von Bayer Leverkusen.

dpa GLASGOW. Michael Ballack fliegen die Sympathien und Superlative nur so zu. Aus dem Weltstar im Wartestand und unnahbaren Schönspieler von einst ist in dieser Saison der Spieler des Jahres, Kandidat für Europas Fußballer 2002 und die große WM-Hoffnung geworden.

Der 50-jährige Toppmöller bot vor Ballacks letztem Arbeitstag beim Champions-League-Finale gegen Real Madrid in Glasgow sogar an, auf seine Prämie verzichten, wenn das Mittelfeld-Genie am Rhein bliebe. Der Wechsel seiner Leitfigur zum Bundesliga-Rivalen Bayern München trifft ihn auch emotional: "Wehmut ist schon dabei."

Für Sentimentalitäten ist im Profi-Geschäft allerdings wenig Platz. "Ich habe mich in Leverkusen unter großem Druck sehr gut entwickelt", bilanzierte Ballack, "dafür empfinde ich schon so etwas wie Dankbarkeit." Ausruhen auf den Lorbeeren wird sich der 25-jährige gebürtige Sachse aber kaum können. Bei der Weltmeisterschaft in gut zwei Wochen in Japan und Südkorea soll er die deutsche Nationalmannschaft auf Erfolgskurs bringen und vom 10. August an in München die Regie bei den Bayern anstelle von Stefan Effenberg übernehmen.

Bayern-Chefcoach Ottmar Hitzfeld hat Ballack bereits zum "absoluten Chef" erkoren und ihn zum "gesetzten Spieler" erklärt, sofern er sich nicht verletzt. Profitieren von der Popularität des Neu-Münchners will auch der Sportartikelhersteller adidas, der 10 Prozent der Anteile an der FC Bayern AG hält: Bis zur WM 2006 in Deutschland schlossen Ballack und das Herzogenauracher Unternehmen einen Werbevertrag, teilte adidas am Mittwoch mit. Obwohl über die Dotierung keine Details verlauteten, dürften einige Millionen zu dem auf 51 Millionen Euro taxierten Gesamttransferpaket hinzukommen.

Dass Ballack, der bei Motor Karl-Marx-Stadt in der DDR seine Karriere begann, sein Geld wert sein könnte, bewies er in dieser Saison auf unterschiedliche Art. Trotz eines Zehenbruchs schonte er sich zu Beginn der Spielzeit nicht und gab auch in der Endphase mit einer starken Fußprellung nicht auf. Mit 17 Treffern in der Bundesliga kratzte er an der Torjäger-Krone - Amoroso und Martin Max je 18 - und traf zudem je sechs Mal in der Champions League und in der WM-Qualifikation. "Fast jede Chance im Strafraum nutzt er zum Tor. Er ahnt voraus, wohin der Ball kommt und taucht aus dem Nichts auf", urteilte Toppmöller, stellte aber klar: "Michael arbeitet hart an sich. Und dafür wurde er belohnt."

Gelohnt hat sich für Ballack die Zusammenarbeit mit Toppmöller. "Er hat mir bewusst gemacht, dass viel von mir erwartet wird. Gleichzeitig hat er aber auch den Druck von mir genommen", berichtete der smarte Kicker mit der Model-Figur. Eher eine Reizfigur war er für dessen Vorgänger Berti Vogts, der ihn im April 2001 beim 1:3 gegen den SC Freiburg auswechselte und heftig kritisierte. Für Vogts war es der Anfang vom Ende als Bayer-Trainer - für Ballack der Beginn des Aufstiegs zum Star.

Nicht leichten Herzens lässt ihn auch Leverkusen-Manager Reiner Calmund ziehen, der Ballack für weniger als eine Million Euro vom 1. FC Kaiserslautern geholt hatte. "Ich wünsche ihm alles Gute. Doch wenn der Kerl mit Bayern gegen Bayer spielt, soll er gefälligst keine Tore schießen", meinte Calmund zum Abschied. Das Engagement an der Isar muss längst nicht das letzte für den Spielgestalter sein, den nicht nur Real Madrid ("da lag ein Angebot auf dem Tisch") gern geholt hätte. "Ich bin noch jung", sagte Ballack, "wer weiß, wohin der Weg noch führt."

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