Weniger Ausbildungsstellen als im Vorjahr
Kanzler Schröder schlägt Alarm

Für den Bundeskanzler kommt es knüppeldick. Statt zu sinken, drohen die Arbeitslosenzahl auf über vier Millionen zu steigen. Jetzt hat die Konjunkturflaute den Ausbildungsmarkt erreicht. Tausende Bewerber drohen leer auszugehen. Schon argwöhnen die Gewerkschaften, die Unternehmen hielten sich aus Wahlkampfgründen bewusst zurück.

pt BERLIN. Mit massiven Vorwürfen gegen die Wirtschaft haben gestern die Gewerkschaften auf den starken Rückgang an Ausbildungsstellen seit Beginn des Jahres reagiert. Das für Bildung zuständige IG-Metall-Vorstandsmitglied Erwin Vitt warnte die Unternehmen vor "Ausbildungsverweigerung" aus wahltaktischen Gründen. Die Lage am Lehrstellenmarkt sei wegen der Konjunkturflaute schon schlimm genug. Auch die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Ursula Engelen-Kefer, will "nicht mehr ausschließen, dass bei dem seit Jahresbeginn zu beobachtenden Rückgang des Ausbildungsangebots der Wahlkampf eine Rolle spielt." Es sei auffällig, "dass die Zahlen besonders deutlich sinken, seit die Union CSU-Chef Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten gemacht hat" erklärte Engelen-Kefer gegenüber dem Handelsblatt.

Die Wirtschaft wies den Vorwurf der Wahlkampfhilfe zurück. "Wer dies behauptet hat keine Ahnung von der betrieblichen Praxis," erklärte Uwe Mazura von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) dem Handelsblatt. Martin Leutz vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall sprach von "absurden Unterstellungen." Er verwies auf einen Anstieg der Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Metall- und Elektrobranche um 7 % gegenüber dem Vorjahr. "Mit 71 900 neu abgeschlossenen Verträgen müssen wir uns wahrlich nicht verstecken," erklärte Leutz.

Doch leider sieht die Lage quer durch alle Branchen bei weitem nicht so rosig aus. Seit dem Ende des vergangenen Ausbildungsjahres, also seit Oktober 2001, ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsstellen bundesweit um 6,3 %, in Ostdeutschland sogar um 7,8 % gesunken mit steigender Tendenz. So lag die Zahl der angebotenen offenen Stellen im Juni bereits bundesweit um 17,1 % unter Vorjahresniveau.

Starker Einbruch bei betrieblichen Ausbildungsstellen

Besonders auffällig ist der Einbruch bei den betrieblichen Ausbildungsstellen, also den Angeboten der Unternehmen. Sie lagen im Juni bundesweit um 21,8 % unter Vorjahresniveau. In Ostdeutschland, wo das Defizit an betrieblichen Angeboten schon seit Jahren durch überbetriebliche und von den Arbeitsämtern finanzierte Angebote besonders stark aufgestockt werden muss, war der Einbruch mit 29,4 % besonders dramatisch. Dagegen lag die Zahl der Bewerber um vier Prozent höher als im Vorjahr.

Selbst der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, schließt deshalb für Ende September "ein rechnerisches Lehrstellendefizit" nicht mehr aus. Das bedeutet: Die Zahl der Jugendlichen ohne einen Ausbildungsplatz könnte größer sein als die Zahl der offenen Stellen.

In einem Brandbrief hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) daher bereits Mitte Juli den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammer-Tages (DIHK) Ludwig Georg Braun aufgefordert, sich für ein größeres betriebliches Ausbildungsangebot einzusetzen. Parallel sollen die Arbeitsämter verstärkt direkt bei Unternehmen um Angebote werben.

Braun: Schlechte Qualität vieler Bewerber

Inzwischen haben Braun und Handwerkspräsident Dieter Philipp an die Unternehmen appelliert, ihre Ausbildungsanstrengungen in den kommenden Monaten zu verstärken. "Es geht um die Zukunft unserer Jugend, die Zukunft der Unternehmen und die Zukunft der betrieblichen Ausbildung. Deshalb haben wir im Ausbildungskonsens zugesagt, dass jeder junge Mensch, der kann und will, ausgebildet wird," schrieb Braun an die Industrie- und Handelskammern. Der DIHK beobachtet seit März einen Rückwärtstrend bei den Angeboten.

Braun macht neben der konjunkturellen Schwäche auch die schlechte Qualität vieler Bewerber und die Weigerung der Gewerkschaften verantwortlich, neue Berufsbilder mit verkürzten Ausbildungszeiten für theorieschwache Jugendliche zuzulassen, verantwortlich. Die BDA sieht einen weiteren Grund in den "überzogenen Tarifabschlüssen" dieses Jahres.

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Die Gewerkschaften weisen diese Vorwürfe zurück. Engelen-Kefer warnte die Wirtschaft im Gegenzug davor, den im Bündnis für Arbeit erreichten Ausbildungskonsens aufzukündigen. "Wir sind im Bündnis zu beschäftigungssichernden Tarifabschlüssen bereit gewesen. Die Wirtschaft hat uns dafür den Abbau der Überstunden, mehr Teilzeitarbeit und Ausbildungsplätze für alle angeboten." Nun sei sie auf dem besten Wege, auch dieses letzte Versprechen zu brechen.

Diesen Vorwurf will die Wirtschaft nicht auf sich sitzen lassen. Eine Bilanz der Ausbildungssituation lasse sich erst zum Ende des Berufsberatungsjahres Ende September ziehen, warnt die BDA vor Panikmache. Sie verweist auf die Erfahrungen der Vorjahre. Auch da sei die Zahl der Bewerber im Juli höher als die der Stellenangebote gewesen. Am Ende habe aber das Angebot die Nachfrage übertroffen. Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft hat in Nordrhein-Westfalen jetzt eine Lehrstellenoffensive gestartet, um 13 000 Stellensuchenden bis Ende September ein Angebot zu machen. Auch der Bundeskanzler selbst macht noch in Optimismus. "Wir sollen die Lage nicht dramatisieren," schrieb er an DIHK-Präsident Braun.

Quelle: Handelsblatt

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