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Weniger Morde durch Waffenverbot?

"Hey Brother, die wollen dir deine Rechte nehmen!", empört sich täglich im Fernsehspot ein hellhäutiger Jugendlicher im Rapper-Look.

"Hey Brother, die wollen dir deine Rechte nehmen!", empört sich täglich im Fernsehspot ein hellhäutiger Jugendlicher im Rapper-Look. Die Mütze tief in die Augen gezogen, cool mit Mittel- und Zeigefinger gestikulierend fordert er: "Lass das nicht zu!" Sein bedrohtes Recht - damit meint er die Pistole nebst zugehöriger Munition, die er sich vielleicht bald nicht mehr kaufen kann. Denn am kommenden Wochenende stimmen die Brasilianer darüber ab, ob sie weiterhin Waffen kaufen können wie bisher oder nicht. Mit dem Waffenverbot soll die hohe Mordrate und die Kriminalität mit Waffengewalt gesenkt werden. Brasilien zählt mit mindestens 40.000 Morden im Jahr zu den gewalttätigsten Staaten weltweit. Ein heftiger Streit zwischen den Befürwortern und Gegnern ist ausgebrochen. Das Überraschende ist: Die Linie zwischen den beiden Lagern folgt klar der Schichtzugehörigkeit Brasiliens. So ist vor allem die Mittelschicht gegen das Waffenverbo t, die armen Brasilianer sind meist dagegen. Für die Mittelschicht geht es vor allem darum, den Besitz und ihr Leben zu verteidigen. Wenn der Staat nicht in der Lage ist für Sicherheit zu sorgen, dann müsse den Bürgern erlaubt sein, das selbst zu erledigen. Die Waffenbefürworter haben eine starke Lobby im Kongress, die durch Brasiliens Waffenkonzerne Taurus und Rossi unterstützt wird. Die beiden Konzerne haben Brasilien zum viertgrößten Exporteur für Faustfeuerwaffen weltweit gemacht.

Die armen Brasilianer dagegen sind meist gegen den Waffenhandel. Denn viele von ihnen haben Familienangehörige verloren bei banalen Streits in der Nachbarschaft, wenn die Ehre auf dem Spiel stand oder einfach zuviel Zuckerrohrschnaps geflossen war. Denn weniger bei Überfällen oder durch Kriminelle werden Brasilianer mit Waffen getötet. 80 Prozent sterben nach Schüssen bei Unfällen, etwa wenn Kinder mit den Waffen spielen oder bei banalen Streitereien, die mit einer Waffe beendet werden. Bis vor kurzem sah es so aus, als würden die Waffengegner klar gewinnen. Doch Woche um Woche steigt die Zahl der Waffenbefürworter, inzwischen führen sie in den Umfragen. Wie die Volksbefragung ausgeht, das ist völlig offen.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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