Weniger Transparenz befürchtet
Märkte sehen Trichet gelassen entgegen

Für die europäische Geldpolitik wird sich mit der Neubesetzung des Chefsessels in der Europäischen Zentralbank (EZB) zumindest kurzfristig nichts ändern. Das ist das Ergebnis einer Handelsblatt-Umfrage unter führenden Ökonomen. Der bisherige Gouverneur der französischen Notenbank, Jean-Claude Trichet, wird voraussichtlich ab Herbst die Geschicke der Euro-Bank lenken.

FRANKFURT/M. In das bisher fast durchgängig gesungene Hohelied auf die Eignung des französischen Kandidaten für das Amt des EZB-Präsidenten mischen sich inzwischen allerdings auch kritische Töne.

"Für die Geldpolitik ist der Wechsel nur von untergeordneter Bedeutung", sagt Klaus Baader, Senior Economist bei Lehman Brothers, London. "Die wesentlichen längerfristigen Weichen sind gerade erst gestellt - sowohl für die geldpolitische Strategie als auch für die Osterweiterung." Im Mai hat der EZB-Rat seine geldpolitische Strategie modifiziert. Ende 2002 hat er sich auf neue Abstimmungsregeln für den Fall geeinigt, dass dem Euro-Raum weitere Länder beitreten.

Keine spektakulären Änderungen erwartet auch der Chefvolkswirt der Deka Bank, Michael Hüther, von dem neuen EZB-Präsidenten: "Im EZB-Rat ist er einer von 18. Außerdem argumentiert die EZB im Rahmen ihrer Strategie. Da kommt auch Trichet nicht raus. Die Strukturen lassen nicht viel Spielraum." Für Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, London, bedeutet der Franzose Kontinuität: "Als Gouverneur der Banque de France hat er die europäische Geldpolitik von Anfang an maßgeblich mitbestimmt." Und David Walton, Chefvolkswirt Europa bei Goldman Sachs, London, ist überzeugt: "Die Zinsen wären im Euro-Raum heute nicht anders, wäre statt Duisenberg Trichet Präsident gewesen."

Charles Wyplosz, Wirtschaftsprofessor am Graduate Institute of International Studies in Genf, ist skeptisch. Er erwartet zwar auch keine sofortigen Einschnitte. In vieler Hinsicht sei die EZB aber noch stark in der Tradition der Bundesbank verhaftet. "Trichet wird sich leichter tun als sein Vorgänger, sich davon zu lösen", meint Wyplocz. Er hält eine Abkehr der EZB von ihrer Zwei-Säulen-Strategie zu Gunsten eines Inflationsziels für möglich.

Keinen Zweifel an der fachlichen Qualifikation Trichets hat der Bonner Wirtschaftsprofessor Manfred J.M. Neumann: "Ich halte ihn für einen hervorragend geeigneten Fachmann, über den man sich in dieser Position nur freuen kann." Neumann stützt sein Urteil auf Trichets Verhalten, spätestens seitdem die Banque de France Anfang 1994 unabhängig wurde. Er verteidigte damals die Preisstabilität gegen politischen Druck. "Er hat sich verhalten, wie man es sich von einem unabhängigen Zentralbanker wünscht", sagt Neumann. Kritiker sehen das anders. Trichet habe die französische Inflationsrate unter die deutsche drücken wollen, um die deutsche Dominanz in der Stabilitätspolitik zu brechen. Dahinter habe nicht die Überzeugung gestanden, dass Preisstabilität ein Wert an sich sei.

Einige Experten stellen Trichets Fachkompetenz in Frage. "Er ist eine sehr politische Person mit begrenzter Kenntnis der Geldpolitik", sagt ein Weggefährte Trichets. Trichet sei extrem ehrgeizig und werde sich gezielt seine Machtbasis aufbauen. Er wolle als ein besonderer EZB-Präsident in die Geschichte eingehen. Die Vermutung, dass Trichets in US-Notenbankchef Alan Greenspan ein Vorbild sehen könnte, scheint allerdings unbegründet. Das hat der Franzose selbst im kleinen Kreis wiederholt zu verstehen gegeben.

Dass Trichet die hohen Erwartungen erfüllen kann, die vor allem im angelsächsischen Raum in ihn gesetzt werden, gilt keineswegs mehr als sicher. "Duisenberg hat auf einem sehr niedrigen Akzeptanz-Niveau begonnen. Doch später achteten die Märkte ihn. Wenn Trichet nicht aufpasst, verläuft bei ihm die Kurve umgekehrt", warnt ein Analyst.

Gerätselt darüber, was der Franzose für die Kommunikation der EZB bedeutet. Als ein in der Wolle gefärbter französischer Karrierebeamter könnte er rigider und weniger offen sein als Duisenberg, fürchten die einen. Er sei so sehr Politiker, dass er glaube, 99 Prozent seiner Arbeit bestünden aus Public Relations, meinen die anderen. Mayer: "Als Analyst wünsche ich mir, dass Trichet den Stil der Offenheit fortführt, zu dem Duisenberg in den letzten Jahren gefunden hat."

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%