Archiv
Wenn Bürokraten selig träumen

An einer von Delhis schattigen Alleen unweit meiner Wohnung steht ein mehrstöckiger, olivgrüner Betonklotz mit vielen Kanten und ohne Fenster.

An einer von Delhis schattigen Alleen unweit meiner Wohnung steht ein mehrstöckiger, olivgrüner Betonklotz mit vielen Kanten und ohne Fenster. Ich rumpele daran regelmäßig in einem der altersschwachen, pechschwarzen AmbassadorTaxis vorbei, die noch immer ein Markenzeichen Indiens sind. In dem Bunker an der Lodhi Road produziert ein kleines Heer von Bürokraten stapelweise Akten, die später ungelesen in irgendwelchen Ministerbüros vergilben. Sie arbeiten für den Nationalen Produktivitätsrat. Irgendwo in dieser Trutzburg muss ein besonderer Staatsdiener sitzen, einer mit Phantasie. Ich stelle ihn mir vor als Herren mit ergrauten Schläfen, der inmitten eines bis an die Decke reichenden, schmierbraunen Aktenstapels sitzt und mit Seelenruhe von einer besseren Welt träumt.

Die einzige Aufgabe dieses Verwaltungsmenschen muss darin bestehen, die riesige LeuchtdiodenAnzeigentafel vor dem Nationalen Produktivitätsrat täglich mit neuen Slogans zu füttern und die Bürger so zu höherer Produktivität anzuspornen. Der geistreiche ältere Herr hat sicher genug Dienstjahre in der Bürokratie auf dem Buckel, um sich der völligen Sinnlosigkeit seines Tuns bewußt zu sein. Trotzdem kommt er unerschütterlich seiner Pflicht nach. Mit ironischem Augenzwinkern Oder gar leiser Subversion Zumindest kommuniziert Indiens paternalistischer Verwaltungsapparat nirgends poetischer mit dem Staatsvolk als auf der Anzeigetafel des Nationalen Produktivitätsrats. Ziele sind Träume, flimmerte gestern über die Werbefläche. Nach kurzer rhetorischer Pause folgt die Ermahnung: Träume mit festem Abgabedatum! Dann perlt in Form gelber Pünktchen folgende Erkenntnis in die Schwärze der Nacht: Der Geist ist ein Fallschirm. Hier bri cht der Text ab, auf der Anzeigetafel grieselt es wie auf einem kaputten Fernseher. Sekunden später rappelt sich der Kasten auf und stottert das Bonmot in nun schief geratenen Lettern zu Ende: Er funktioniert nur, wenn er offen ist.

Ich lasse Taxifahrer manchmal eine Minute vor dem Nationalen Produktivitätsrat halten um herauszufinden, was sich mein imaginärer Beamter hinter seinen Bunkerwänden heute ausgedacht hat. Die Produktivität des in Delhi nach wie vor vormodernen Taxigewerbes haben seine Sprüche bislang nicht erhöht sollte dies je seine Absicht gewesen sein. Trotz der rasant wachsenden Produktpalette internationaler Modelle von Skoda bis Toyota schwören die Fuhrunternehmer der Stadt immer noch auf ihre hoffnungslos veralteten Ambassadors, einen Nachbau des britischen Morris aus den 50er Jahren. Auf den ruppigen Straßen der Stadt schwanken diese reparaturanfälligen Klappergeräte wie Überlandkutschen, und auch Klimaanlage haben sie keine.

Immerhin bessert sich der Produktivitätsrückstand in anderen Teilen der indischen Wirtschaft. Daran haben mein Freund im Geiste und seine Kollegen zwar auch keinen Anteil. Diesen Fortschritt verdankt das Land Liberalisierung und Privatisierung. Aber solange ich bei jeder Vorbeifahrt am Nationalen Produktivitätsrat neu schmuzeln darf, werde ich den Nutzen dieser Behörde nicht in Zweifel ziehen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%