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Wenn der Ohrwurm auf dem Handy tönt, klingeln die Kassen

Hamburg - Bei jedem Anruf auf dem Handy singt Schlagerstar Yvonne Catterfeld «Du hast mein Herz gebrochen», die Freundin kündigt sich per Handy mit dem Titel von Sting «Send My Love» an, und bei besetzter Leitung werden Anrufer mit «Thank You» von Weltstar Dido getröstet. Millionen deutscher Handy-Benutzer haben entdeckt, dass man das Klingeln des eigenen mobilen Telefons akustisch attraktiver gestalten kann.

Hamburg - Bei jedem Anruf auf dem Handy singt Schlagerstar Yvonne Catterfeld «Du hast mein Herz gebrochen», die Freundin kündigt sich per Handy mit dem Titel von Sting «Send My Love» an, und bei besetzter Leitung werden Anrufer mit «Thank You» von Weltstar Dido getröstet. Millionen deutscher Handy-Benutzer haben entdeckt, dass man das Klingeln des eigenen mobilen Telefons akustisch attraktiver gestalten kann.

Das Mobiltelefon ist mittlerweile zur Musikbox avanciert. Das erfreut Musikindustrie, Netzanbieter und Musikkanäle.

Der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV) spricht bereits von einer «neuen verheißungsvollen Generation der Musikauswertung, die uns ein wenig aus dem Tal der jahrelangen Wirtschaftskrise auf dem Tonträgermarkt herausführen könnte». Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Musikindustrie wegen massenhafter CD-Kopien und der Konsumflaute erneut drastische Einbußen erlitten. Der Umsatz brach mit 19,8 Prozent so stark wie nie zuvor ein und lag nach Angaben der Phonoverbände nur noch bei 1,65 Milliarden Euro.

Handy-Besitzer können mittlerweile zu Preisen bis zu 3,99 Euro zwischen Tausenden von Lieblingssongs wählen. Das Herunterladen eines musikalischen Klingeltones bringt Anbietern wie T-Mobile, O2, Vodafone oder E-Plus monatlich bis zu über 200 000 Verkäufen pro Titel. Der Fernsehsender MTV schaffte mit dem Klingelton «Roque» in Deutschland über eine Million Downloads, obwohl er nicht einmal auf einem Tonträger erschienen ist.

Sascha Lazimbat, Manager bei Vodafone in Düsseldorf: «Evergreens aus Filmen wie James Bond und Mission Impossible gehören zu den Topsellern». Dass in Genres wie Volksmusik noch ein hohes Potenzial steckt, beweise aktuell der große Erfolg des Schlagers von den «Randfichten» mit ihrem Ohrwurm «Lebt denn dr alte Holzmichl noch». Der Branchendienst «musik & multimedia» ermittelte die Top 5 der Klingeltöne in Deutschland. Es sind: «F**k It» (Eamon), «Yeah» (Usher), «Dragostea Din Tei» (O-Zone), «Everytime» (Britney Spears) und «My Band» (D-12).

Allein im vergangenen Jahr wurden nach Schätzungen des Branchendienstes in Deutschland Klingeltöne im Wert von 160 Millionen Euro abgesetzt. In diesem Jahr erwarten die großen Netzanbieter und Klingelton-Anbieter wie T-Mobile, O2, Vodafone und E-Plus, aber auch Anbieter wie Jamba und Arvato auf dem deutschen Markt eine Verdoppelung des Umsatzes. Für 2006 rechnet Steven Hofman von Arvato in Hamburg mit einem Gesamtumsatz von 400 bis 500 Millionen Euro.

«Es herrscht Goldgräberstimmung bei den Klingelton-Anbietern», sagt der Hamburger Musik-Anwalt und Klingelton-Experte Torsten Siefert. Er mahnt jedoch, die Urheberrechte der Autoren, Produzenten, Musikverlage und Tonträgerfirmen zu beachten. So darf der Klingeltonanbieter nicht eigenmächtig und ohne Zustimmung des Urhebers einen Song wie «Candle in the wind» auf einen zwanzigsekündigen Signalton verkürzen, mit dem asynchronen «Tuten» eines Telefonfreizeichens unterlegen oder mit kurzen Filmsequenzen, Grußbotschaften oder Waschmittelwerbung verbinden.

Nach DMV-Angaben hat die Gema im vergangenen Jahr Klingeltoneinnahmen in Höhe von 5 Millionen Euro für die Autoren und Musikverlage bilanziert. In diesem Jahr erwartet man mindestens eine hundertprozentige Steigerung dieser Einnahmen. Die Kids laden sich die Musik herunter und zahlen dafür auch noch - eine völlig neue Erfahrung für die Musikbranche, nachdem viele das illegale Herunterladen im Internet nutzen. Paradox: Jugendliche zahlen für einen Klingelton, schrecken aber davor zurück, für eine Single den gleichen Preis zu zahlen, zeigen Marktstudien.

Tom Bohne, Geschäftsführer der Universal Domestic in Berlin, meint: «Die Klingeltöne sind durch die verheißungsvollen technologischen Entwicklungen eine neue wichtige Werbung für den verstärkten Kauf von CDs.» Der Absatz von Tonträgern sank im vergangenen Jahr deutlich auf 183,2 Millionen Stück. Zugleich stieg die Zahl der mit Musik bespielten CD-Rohlinge laut einer Studie um ein Viertel auf 325 Millionen.

Auch für 2004 rechnet die Branche nach den ersten Monaten zwar mit weiter sinkenden Umsätzen, hofft aber auf eine Milderung durch das Geschäft mit den Klingeltönen.

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