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Wenn der Postbote in Indien klingelt,

dann will er nicht unbedingt ein Einschreiben abgeben. Kürzlich stand ein dürres, verschwitztes Männlein vor der Tür und drückte die Klingel herrisch gleich mehrfach. Es war der Postbote, und er kam sofort und grußlos zur Sache.

dann will er nicht unbedingt ein Einschreiben abgeben. Kürzlich stand ein dürres, verschwitztes Männlein vor der Tür und drückte die Klingel herrisch gleich mehrfach. Es war der Postbote, und er kam sofort und grußlos zur Sache. "Give me your money or I burn your mail," keifte er im Wissen um seine Macht. Ich war perplex und fixierte das Männlein erst einmal mit einem festen Blick. Das hilft über ein paar Sekunden. Zugleich überlegte ich, was mir wichtiger ist: Meine Post oder der moralisch richtige Standpunkt? Ich entschied mich für die Post. Aber wie bekomme ich die wirklich sicher? Wenn ich den Boten einmal besteche, will er beim nächsten Mal mehr. Und er erzählt seinen Kumpels vom Wasseramt und von der Strombehörde, dass der Ausländer da abdrückt wie alle anderen, und die kommen auch angerannt. Ich wurde wütend über die zwei Wahlmöglichkeiten, die mir das Männlein da ließ, das mir kaum bis zum K inn ging, und dann tat ich etwas, das mich selbst überraschte: Ich packte es am schmuddeligen Hemdkragen, stieß es gegen die Treppenhauswand und brüllte ihm meine Alternative ins stoppelbärtige Gesicht: "You burn my mail and I put you in jail!" Dann ließ ich zur Sicherheit noch die Namen von ein paar wichtigen Politikern fallen, die meine Freunde seien, allen voran Sonia Gandhi, und donnerte etwas von einem Minister. Das Männlein zog davon, erhobenen Hauptes, ohne eine Miene zu verziehen. Meine Post kommt weiter regelmäßig.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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