"Wenn es ein Anschlag war, dann werden die Juden Djerba verlassen"
Rätselraten über Ursache der Explosion von Djerba

War die Katastrophe vor der Synagoge ein Anschlag oder ein Unglück? Noch Rästseln die Behörden in Tunesien. Bundesaußenminister Fischer forderte in Berlin eine "zweifelsfreie Klärung" der Hintergründe.

ap DJERBA. Eine Rußschicht überzieht den Marmorboden der Synagoge von Ghriba, Arbeiter säubern die verkohlten Wände. Vor den Türen halten mehr als zehn Sicherheitsbeamte Wache, während in der jüdischen Gemeinde von Djerba ängstlich über die Ursache der Explosion vom Donnerstag spekuliert wird. Bei der Detonation vor der Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel kamen mindestens sieben Menschen ums Leben, darunter vier Deutsche.

"Wenn es ein Anschlag war, dann werden die Juden Djerba verlassen", sagte Synagogenmitarbeiter Rene Trabelsi. "Es wäre auch eine Katastrophe für den tunesischen Tourismus."

Der Präsident der Synagoge, Perez Trabelsi, wies die Spekulationen umgehend zurück. "Ich denke, dass es ein Unfall war und dass es keinen Zusammenhang zur Lage in Israel gibt", erklärte er. "Wenn es ein Anschlag gewesen wäre, dann wären die Menschen in der Synagoge angegriffen worden." Zum Zeitpunkt der Explosion hielten sich mehrere Dutzend Besucher in dem Gottesdienst auf.

"Ich weise die Anschlagstheorie zurück. Tunesische Araber und Juden leben wie Brüder zusammen", sagte auch der Verwaltungschef der Region, Mohamed ben Salem am Donnerstagabend. Er wandte sich gegen "Versuche extremistischer Israelis", den Vorfall für ihre eigenen Interessen auszunutzen. "Aber wir müssen natürlich auf die Untersuchungsergebnisse warten."

Die Ursache der Explosion war auch am Freitag weiter unklar. Den Behördenangaben zufolge prallte ein mit Erdgas gefüllter Tankwagen gegen die Mauer eines Synagogen-Gebäudes und explodierte. Die deutsche Touristin Andrea Esper aus Dortmund berichtete, in der Synagoge hätten sich zwischen 30 und 35 Menschen aufgehalten, als plötzlich eine starke Explosion zu hören gewesen sei. Scheiben seien zu Bruch gegangen. Sie habe Leute schreien hören, sagte die Urlauberin, die ihren verletzten Mann in ein Krankenhaus begleitet hatte.

BKA-Spezialisten nach Djerba geschickt

Deutschland habe größtes Interesse an "einer zweifelsfreien Klärung, ob es sich um einen Unfall oder eine andere Ursache handelt", sagte Außenminister Joschka Fischer am Freitag in Berlin. Spezialisten des Bundeskriminalamts wurden nach Djerba entsandt. Nach Beginn der israelischen Offensive im Westjordanland war es in Frankreich zu mehreren Anschlägen auf Synagogen gekommen. Für den stellvertretenden israelischen Außenminister Michael Melchior schien indes bereits festzustehen, dass es sich um einen gezielten antisemitischen Angriff gehandelt habe. Aus Geheimdienstkreisen in Washington verlautete, der Ort der Explosion sei durchaus verdächtig. Dies dürfe nicht ignoriert werden.

Am schwersten beschädigt wurde die Synagoge von Ghriba in ihrem Eingangsbereich. Von dem filigranen Deckengemälde dort war fast nichts mehr zu erkennen. Wo vor zwei Tagen noch Mosaik-Fenster waren, gähnte Leere. Der Gebetsraum, in dem auch die Thorarollen aufbewahrt werden, blieb jedoch unbeschädigt. Die Ghriba-Synagoge ist ein viel besuchtes Heiligtum der jüdischen Gemeinde Tunesiens und steht auf den Grundmauern einer der ältesten Synagogen Afrikas aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert.

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