Wenn es um das Überleben des Unternehmens geht, hilft nur Entschlossenheit
Insolvenzplan des Schuldners spart wichtige Zeit

Das Insolvenzplanverfahren des neuen Insolvenzrechts bietet bessere Möglichkeiten zur Rettung eines Unternehmens als die frühere Vergleichsordnung. Dennoch wird es nur wenig genutzt.

DÜSSELDORF. Der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens erfolgt Anfang 2000. Der Frischluft GmbH & Co. KG (siehe Anmerkung am Textende), ein knapp 80 Jahre altes Familienunternehmen, das in der Heizungs-, Sanitär- und Lüftungstechnik tätig ist, droht die Überschuldung. Nach fünf Monaten wird das Verfahren formal beendet. Die GmbH ist gerettet.

Seither schreibt sie, wie der Geschäftsführer berichtet, wieder schwarze Zahlen. Keine, "mit denen man prahlen könnte", das sei angesichts der schmalen Margen im Baunebengewerbe nicht möglich. Der Auftragseingang sei jedoch gut. Der Auftragsbestand liege etwa um 7 % über dem des Vorjahres. Der Umsatz werde knapp 70 Mill. Euro erreichen, fast so viel wie unmittelbar vor der Insolvenz. Der Geschäftsführer sieht das Unternehmen damit wieder auf einem guten Wege und die verbliebenen etwa 500 Arbeitsplätze gesichert. Auch der ehemalige Insolvenzverwalter geht davon aus, dass das Unternehmen, "das über seine Region hinaus einen sehr guten Ruf hat", wieder an frühere Erfolge anknüpfen kann.

Als Ursache der vor knapp zwei Jahren drohenden Überschuldung sehen Geschäftsführer und der ehemalige Insolvenzverwalter zwei Ursachen: das zu schnelle Wachstum in den neuen Bundesländern und zu hohe Belastungen aus Pensionsverpflichtungen.

Nach dem Fall der Mauer gründet Frischluft auf Drängen des damaligen Seniorchefs sechs neue Niederlassungen in den neuen Bundesländern. Die Zahl der Mitarbeiter steigt um rund 400 auf in der Spitze fast 1 500 Beschäftigte.

Doch die "Goldgräberzeiten", wie es der Geschäftsführer heute sieht, dauern nur bis 1994/95. Dann folgt eine "absolute Flaute, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen". Um die Beschäftigung zu sichern, werden vor allem in den neuen Bundesländern "Aufträge zu absoluten Dumpingpreisen" hereingenommen, die zu Verlusten führen.

In einer ersten Sanierungsaktion 1996/97 werden fünf der sechs neuen Niederlassungen wieder geschlossen. Die Belegschaft wird auf rund 1 200 Beschäftigte abgebaut. 1998 gelingt es, zumindest wieder ein positives operatives Ergebnis zu erzielen. In einer zweiten Sanierungsaktion 1999 schrumpft die Belegschaft auf 680 Mitarbeiter.

Der Druck der finanziellen Altlasten aber bleibt. Neben hohen Verbindlichkeiten aus den Verlusten in den neuen Bundesländern belasten die für die Branche ungewöhnlich hohen Pensionszusagen mit 1 Mill. DM Zahlungen pro Jahr das Ergebnis und mit 13 Millionen Pensionsrückstellungen die Bilanz. Der Versuch einer Einigung mit dem Pensionssicherungsverein (PSV) zur Minderung der Lasten scheitert 1999.

So kommt es Anfang 2000 zum Insolvenzantrag. Ganz wichtig ist, dies betont der ehemalige Insolvenzverwalter, dass Frischluft mit dem Antrag einen Insolvenzplan vorlegt. Ausgearbeitet hat ihn der Steuerberater des Unternehmens, "der über alle Zahlen verfügte", wie der Frischluft-Chef betont.

Dieser Insolvenzplan wird Anfang April 2000 von den Gläubigern akzeptiert, "zu 99 Prozent", wie sich der Geschäftsführer erinnert. Entscheidend ist, dass sich die Gläubiger besser stellten als bei einer Liquidation. Dies ist aber nur möglich, weil die Familiengesellschafter Geld zuschossen, "mehr als 20 Mill. DM", so der Geschäftsführer. Geld, auf das im Regelverfahren kein Anspruch bestanden hätte, betont der ehemalige Insolvenzverwalter.

Entsprechend dem Insolvenzplan verzichten die Mitarbeiter zwei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, die bevorrechtigten Gläubiger auf 30 % ihrer Kredite. Die anderen Gläubiger müssen sich mit einer Quote von knapp 13 % begnügen. Insgesamt wird Frischluft etwa um 50 Mill. DM entlastet. Das ist knapp die Hälfte der zuvor bestehenden Gesamtverbindlichkeiten.

So kann das Verfahren formal nach fünf Monaten beendet werden. Dies hat den entscheidenden Vorteil, dass von rund 50 Mill. DM Auftragsbestand nur 400 000 DM verloren gehen. Branchenüblich können Kunden Aufträge, die noch nicht bearbeitet werden, im Insolvenzfall sofort kündigen.

Zwei Einsprüche gefährdeten das Verfahren. Zum einem von einem Kleingläubiger. Zum anderen - wegen rund 40 000 DM Mitgliedsbeitrag - von Seiten des zuständigen Arbeitgeberverbands. Der zweite Einspruch kostete, so der Frischluft-Geschäftsführer, "drei wichtige Wochen Zeit". Dann gelingt es dem Insolvenzverwalter, die Einsprüche abzuwehren.

Der Insolvenzverwalter, der in den vergangenen 20 Jahren mehr als 650 Insolvenzverfahren betreute, sieht den Fall Frischluft als positives Beispiel für die Möglichkeiten des neuen Insolvenzrechts. Unter der alten Vergleichsordnung wäre das Familienunternehmen nicht zu retten gewesen. Leider werde aber das Insolvenzplanverfahren, das "ein echter Innovationsschub" des neuen Rechts sei, "nach wie vor stiefmütterlich behandelt". Viele Verwalter wollten sich nicht mit dem Thema befassen. Bei vielen Gerichten gebe es insbesondere Vorbehalte, wenn der Schuldner den Insolvenzplan selbst vorlege.

Dabei spare gerade dies viel Zeit. Erstellt der Insolvenzverwalter den Plan, kann er damit erst nach der Gläubigerversammlung beginnen. Deshalb dauert das Verfahren mindestens sieben Monate, weiß der Anwalt aus einem guten Dutzend Fälle, in denen er selbst - ebenfalls erfolgreich - die Insolvenzpläne ausarbeitete.

Im Falle Frischluft wären die drei Monate mehr möglicherweise tödlich gewesen. Denn das Baunebengewerbe ist nach den Erfahrungen des Insolvenzverwalters besonders schwierig. Vermutlich wären erheblich mehr Aufträge weggebrochen. Und neue Verträge sind während des Verfahrens kaum abzuschließen. Denn dies erfordert neue Bürgschaften, da die Kunden bei der Auftragsvergabe eine Vertragserfüllungsbürgschaft wollen - in der Regel 10 % des Auftragswerts. Und die gibt es nicht ohne Bank.

Anmerkung: Ein authentischer Fall
Eine Insolvenz ist eine sensible Angelegenheit. Auch, wenn das Verfahren zur Rettung des Unternehmens führte. Vor allem Familienunternehmen fürchten Schaden, wenn erneut darüber berichtet wird. Deshalb wurde im vorliegenden Fall der Name der Firma geändert. Der Ablauf der Insolvenz und die Zitate sind aber authentisch.

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