Wenn mehr Risiken sichtbar werden, wird auch mehr Eigenkapital benötigt
Künftige Bilanzregeln bereiten Lebensversicherern Probleme

Versicherer haben große Sorge, dass die neuen internationale Bilanzierungsregeln (IAS) ihnen Probleme bei der Eigenkapitalbeschaffung bereiten. Aktienanalysten hegen ähnliche Bedenken.

fw MÜNCHEN. Nach Aussage der Experten ist zu befürchten, dass bestimmte Produkte gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt angeboten werden. Rainer Fischer von der Swiss Re nennt als Beispiel Lebensversicherungen in ihrer klassischen Ausgestaltung, also mit garantierter Mindestverzinsung. Werner Görg, Chef des Gothaer Konzerns, spricht von einer "unerbittlichen Diskussion" und befürchtet eine "Rückdelegation von Kapitalmarktrisiken an die Kunden" - sprich: den Wegfall von Garantien.

Schon bisher erstellen viele große Versicherer ihre Bilanzen nach IAS. Zurzeit bedeutet das vor allem, dass sie auf der Aktivseite der Bilanz konsequent Marktwerte ansetzen, was im Zug der Börsenbaisse zum Ausweis von erheblichen Verlusten geführt hat. Die IAS-Regeln befinden sich aber im Fluss, wobei gerade für die Versicherungsbranche noch viele Fragen offen sind. Im Gespräch ist, ab 2007 auch Versicherungsverträge mit "fairen" Werten oder Zeitwerten, also möglichst marktnah, zu bilanzieren. Dies wird von vielen Bilanzexperten befürwortet, die möglichst einheitlich über alle Branchen hinweg Zeitwerte ansetzen möchten - es wäre die systemgerechte Lösung.

Doch das Verfahren hat Tücken: Im Endeffekt würde eine derartige Bilanzierung darauf hinauslaufen, dass die Verträge und damit auch die Passivseite der Bilanz - wo die Verpflichtungen gegenüber den Kunden gebucht werden - im wesentlichen nach der so genannten Kapitalwertmethode bewertet würden. Jeder Betriebswirtschaftsstudent lernt dieses Verfahren kennen: Es beruht darauf, möglichst genau künftige Ein- und Auszahlungen zu prognostizieren und mit einem bestimmten Kalkulationszinsfuß auf den heutigen Wert umzurechnen. Das Ergebnis hängt nicht nur von der Prognose, sondern auch von dem gewählten Zinsfuß ab. "Da kann es große Schwankungen von Jahr zu Jahr geben, wenn sich das allgemeine Zinsniveau ändert", befürchtet daher Ralf Dibbern, Analyst bei M.M. Warburg. Ähnlich meint Frank Stoffel von der WestLB: "Die Volatilität wird massiv zunehmen."

In der Tat ist der Sprung von der alten Bilanzierung nach deutschem Handelsgesetzbuch (HGB) bis zur künftigen IAS-Bilanzierung sehr weit. Nach HGB werden historische Buchwerte angesetzt und nur in dringenden Fällen geändert. Die Folge: Wenn das Geschäft einigermaßen läuft, lassen sich langsam, aber stetig wachsende Gewinne ausweisen. Nach IAS gerät die Bilanz - künftig auch die Passivseite - in Bewegung: Jahre mit hohen Verlusten und Gewinnen wechseln sich ab. Entsprechend schwankt das ausgewiesene Eigenkapital. Die Branche befürchtet daher, wie Fischer betont, dass die Kapitalgeber ihr Geld lieber anderen Unternehmen mit ruhigerem Geschäftsverlauf zur Verfügung stellen.

Das Problem hat zwei sehr eigentümliche Facetten. Zum einen handelt es sich im Prinzip um einen rein optischen Effekt - die neue Bilanzierung verändert die Zahlungsströme nicht, sie bildet sie nur anders als bisher ab. Dennoch: Die Optik gewinnt eine eigene Dynamik. Investoren, aber auch die Finanzaufsicht, werden nach Ansicht der Experten auf deutlich sichtbare Probleme stärker reagieren als auf solche, die zwar im Prinzip bekannt, aber nicht im Detail im Jahresabschluss sichtbar sind.

Zum anderen soll die IAS-Bilanzierung mehr Vergleichbarkeit und Transparenz bringen. Aktienanalysten müssten daher glücklich sein über die neuen Regeln. Das Gegenteil ist aber der Fall. Dibbern wie auch Stoffel benennen das Problem: Gewinne werden künftig noch schwieriger als bisher zu prognostizieren sein. "Und das mögen Investoren gar nicht", sagt Stoffel. Analysten auch nicht: Es gehört zum Kernbereich ihrer Arbeit, Gewinne zu schätzen. Schon heute ist es schwierig, den Einfluss von Zinsen und Börse auf die Gewinne der Branche abzuschätzen. Wenn aber künftig die Verträge rundum nach Zeitwerten angesetzt werden, müsste man die Struktur des gesamten Bestandes, vor allem auch die Laufzeiten, genauer kennen, um den Effekt von Änderungen des Zinsniveaus wenigstens grob abschätzen zu können. "Diese Informationen haben wir nicht", sagt Dibbern. Analyst Harry Stokes von Salomon Smith Barney teilt die Bedenken - es handele sich nicht nur um ein deutsches, sondern um ein europäisches Problem, betont er. Eine Lösung sei zurzeit nicht in Sicht, denn es könne auf Dauer auch nicht angehen, auf der Aktivseite nach IAS Zeitwerte und auf der Passivseite historische Buchwerte nach nationalen Regeln anzusetzen.

Das Problem ist also, dass die IAS-Vorschläge abgelehnt werden, aber auch keine richtige Alternative auf dem Tisch liegt. Doch jeder Schatten hat auch Lichtpunkte: Wie Fischer von der Swiss Re andeutet, überlegen die Rückversicherer, ob sich für sie aus der größeren Angst ihrer Kunden (der normalen Versicherer) vor Risiken sogar geschäftliche Chancen ergeben könnten. Denn die Rückversicherer leben ja davon, ihren Kunden Risiken abzunehmen.

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