Wenn sich eine Williams-Schwester langweilt, träumt sie von Hollywood
Ab in den Kindergarten

Nach der Trostlosigkeit in New York und dem kurzen Flop in München ist das Masters der Tennisdamen in Los Angeles gelandet. Doch auch in Kalifornien scheint das Interesse eher mäßig zu sein. Ungeachtet der Tatsache, dass Serena und Venus Williams ein Heimspiel bestreiten.

LOS ANGELES. Am Freitag waren die Rolling Stones in der Stadt. "I can?t get no satisfaction" im hochmodernen Staples Center in Downtown Los Angeles. Das Konzert der Rock-Oldies war nach der ersten Ankündigung binnen Minuten ausverkauft. Mick Jagger hat die Bühne in L.A. inzwischen verlassen, ebenso sind die Los Angeles Lakers um Basket- ball-Superstar Shaquille O?Neal, die Clippers (beide NBA) sowie die Kings (NHL) auf längeren Dienstreisen. Und dies alles wegen der Tennis-Ladies.

Die Top-Stars im amerikanischen Sport-Business machen den besten 16 Spielerinnen Platz, die vom heutigen Mittwoch an bis zum Montag ihre Weltmeisterin bei den mit drei Millionen Dollar dotierten WTA Championships ermitteln. Ob aber das Staples Center wie gewohnt rocken wird? Die Organisatoren des Filzball-Spektakels sind plötzlich nervös geworden und hoffen, dass die Williams-Schwestern den großen Hit landen.

Von offizieller Seite wurden bislang keine Zahlen des Ticket-Vorverkaufs bekannt gegeben. Aus gutem Grund. "Es sind weniger als gedacht", meinte WTA-Boss Kevin Wulff, "nach einem viel versprechenden Auftakt ließ die Nachfrage plötzlich nach." Die Abstimmung an der Kasse ist umso wichtiger, da sich die Mehrzahl der Top-Spielerinnen für einen Umzug des Masters nach Hollywood ausgesprochen hatte. Das Staples Center ist in der Tat ein Juwel, das bei einem Fassungsvermögen von 18 000 Zuschauern erstklassigen Komfort bildet. Da die 1999 erbaute Arena in der Regel ausverkauft ist, wären halbvolle Ränge beim WTA-Event so peinlich wie ein Fußfehler.

"Tennis unterscheidet sich von anderen Sportarten", sagt Turnierdirektor John Arrix. "Das Turnier braucht Zeit und man darf nicht von einem sofortigen Erfolg ausgehen." Bevor das Masters im vergangenen Jahr in der Münchner Olympiahalle mit 36 500 Zuschauern floppte, war der heilige New Yorker Madison Square Garden von 1979 bis 2000 Austragungsort. Doch auch am Big Apple hielt sich die Begeisterung für das Frauen-Finale ziemlich in Grenzen.

In diesem Klima konnte es möglicherweise nicht schaden, wenn die Nummer eins der Welt vor dem Showdown außerhalb ihres gewohnten Arbeitsrechtecks für Aufsehen sorgte. Serena Williams trat vergangene Woche als Kindergärtnerin in einer amerikanischen TV-Comedy-Show auf und unterstrich, dass Tennis nicht mehr lange eine Hauptrolle in ihrem Leben spielen muss. Trotz der jugendlichen 21 Jahre: "Ich bin ein Multitalent und mag mich nicht allein auf Tennis konzentrieren." Die Spielerinnenvereinigung WTA hätte von der Weltranglistenersten wohl lieber Lobeshymnen über den weißen Sport statt über die Schauspielerei gehört. Denn mit den Williams-Schwestern, die im Vorort Compton aufwuchsen, steht und fällt das Damen-Masters in Los Angeles.

Denn nicht wenige Sponsoren und Fans hoffen auf einen weiteren "Sister-Act". Serena bezwang die ältere Venus in diesem Jahr bereits in drei Grand-Slam-Endspielen (French Open, Wimbledon, US Open) und möchte ihr sensationelles Tennis-Jahr mit der Championship-Trophäe und einem Siegerscheck über 765 000 Dollar abschließen. Während die Titelverteidigerin in der ersten Runde am Donnerstag auf die Israelin Anna Smashnova trifft, spielt Venus Williams bereits heute Abend gegen die Schweizerin Patty Schnyder.

Überhaupt scheint es sich beim Masters eher um die inoffiziellen US-Meisterschaften zu handeln, stellen die USA doch mit sechs Spielerinnen (neben den Williams-Schwestern treten Jennifer Capriati, Lindsay Davenport, Monica Seles und Chanda Rubin an) das weitaus stärkste Kontingent. Russland und Belgien haben jeweils zwei Spielerinnen im Einsatz. Um mehr Zuschauer anzulocken und um bessere TV-Quoten zu erzielen, wurde der Turnierablauf erheblich verändert. Die erste Runde mit den Top-16-Spielerinnen (es fehlen verletzungsbedingt Martina Hingis und Amelie Mauresmo, für die Magdalena Maleeva und Elena Dementiewa nachrückten) beginnt heute, die Halbfinals wurden für Sonntag angesetzt und das Endspiel wird an einem ungewohnten Montag um 18.30 Uhr Ortszeit ausgetragen und zur Primetime live im amerikanischen Fernsehen gezeigt.

Doch nur die wenigsten Fans glauben, dass Jennifer Capriati oder Lindsay Davenport die Williams-Schwestern ernsthaft gefährden können. Die Betroffenen selbst auch nicht. "Ich denke", ahnt Davenport, "ich bin noch ein wenig von meiner Top-Form entfernt und muss mich steigern, um für eine Überraschung zu sorgen." Davenport, die unweit in Laguna Beach ein Haus besitzt, kann ebenso innerhalb kurzer Zeit zur Arena fahren wie Serena Williams, die sich aufgrund ihrer Hollywood-Ambitionen einen Zweitwohnsitz in L.A. zulegte.

Was das Heimspiel im Staples Center noch angenehmer macht, ist die Tatsache, dass Turniersponsor Porsche den Spielerinnen ein paar 911-Sportwagen zur Verfügung stellt. Allerdings, wie es im Turnier-Handbuch ausdrücklich heißt, "nur für für den Business-Verkehr". Spritztouren sind ausdrücklich verboten. Selbst für eine angehende Hollywood-Queen wie Serena Williams.

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