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Wenn Sünder Gutes tun

Ramón Godínez Flores ist das, was man einen guten Katholiken nennt: Fromm, unauffällig, unpolitisch. Bis jetzt.

Ramón Godínez Flores ist das, was man einen guten Katholiken nennt: Fromm,
unauffällig, unpolitisch. Bis jetzt. Doch nun ist der Bischof von
Aguascalientes, einem Sprengel im Nordwesten Mexikos, durch Äußerungen aufgefallen, die das
fragile Verhältnis zwischen katholischer Kirche und der Regierung von
Präsident Vicente Fox beschädigen.

Scheinbar unbedacht gestand der 69 Jahre alte Kirchenfürst vergangene Woche,
die mexikanische Kirche erhalte Almosen von den Drogenkartellen des Landes.
Godínez, seit einem Vierteljahrhundert Bischof, fand das offenbar ganz in
Ordnung. "Uns steht es nicht zu, die Herkunft des Geldes zu prüfen, das wir
erhalten", betonte er. "Jesus hat vor 2000 Jahren die Sünderin Maria Magdalena doch
auch nicht gefragt, woher sie das Geld für das Öl habe, mit dem sie ihm die Füße
gesalbt hat". Entscheidend sei, dass mit dem Geld Gutes getan werde.

Godínez' Äußerungen belebten im katholischsten Land Lateinamerikas gleich
zwei Debatten neu. Was darf die Kirche sich gegenüber dem Staat herausnehmen, und
wie sehr sind die Kirchenfürsten mit der Organisierten Kriminalität
verbandelt? Die Antwort auf die eine Frage gab Regierungssprecher Rubén Aguilar mit
aller Schärfe: "Niemand darf, unter welchen Umständen auch immer, illegales Geld
annehmen, auch nicht die katholische Kirche. Auf die andere Frage gibt es
selbstverständlich keine Antwort, sondern nur Gerüchte.

Der Ärger der Regierung ist verständlich, denn die Äußerungen des Bischofs
torpedieren den ohnehin schweren Kampf gegen die Rauschgiftkartelle im Norden
des Landes. Dort bekriegen sich die verschiedenen Drogenbarone fast ungehindert
durch die Staatsmacht um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Dabei sind
seit Jahresbeginn mehr als 1000 Menschen bei Gewalttaten im Zusammenhang mit
Drogendelikten ums Leben gekommen. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist
Mexiko das mit Abstand wichtigste Drehkreuz für Rauschgift mit dem Ziel
Vereinigte Staaten. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommt über
Mexiko ins Land.

Aber die Kirche ließ die Kritik nicht auf sich sitzen: Der Staat solle erst
mal vor der eigenen Türe kehren, erklärte der Sprecher der Erzdiözese Mexiko,
Hugo Valdemar Romero. "Der Feind kann doch nicht ein Drogenalmosen oder ein
korrupter Priester sein". Der wirkliche Gegner sei die Macht des
Rauschgifthandels, die den Staat und seine Organe unterwandere und ins ökonomische System
eindringe, betonte Romero.

Tatsächlich haben die Kartelle inzwischen ganze Gesellschaftssektoren
unterwandert. Zahlreiche Politiker stehen auf der Gehaltsliste der Drogenbarone. Und
in der Hauptstadt Mexiko-Stadt entstehen mit Narcodollars Bürotürme und
Wohnsilos. Auch auf dem Land hält die Mafia ganze Landstriche bei Laune und unter
Kontrolle, sehr oft mit Hilfe der Kirche, wo über die Almosen Geld faktisch
gewaschen wird. Noch sehr bekannt ist der Fall des Priesters Raúl Soto Vázquez. Er
dankte vor knapp zehn Jahren den Drogenbossen Amado Carrillo und Caro
Quintano öffentlich für deren Zuwendungen: "Auch Sünder können Gutes tun," sagte er
damals.


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