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Wer abschreibt, der bleibt

Das Geschäftsmodell "börsennotierter Wagniskapitalgeber" steckt in einer ernsten Krise.

Die nicht enden wollende Talfahrt der Wachstumsbörsen trifft die an der Börse notierten Venture-Capital-Gesellschaften doppelt. Einerseits gelingt es ihnen nicht mehr, die jungen High-Tech-Firmen, in die sie investiert haben, planmäßig an die Börse zu bringen. Das ist natürlich ein Problem, das alle Wagniskapitalfirmen trifft. Doch für die Börsennotierten kommt hinzu, dass sie sich auch für den eigenen Bedarf kein frisches Kapital mehr auf dem Aktienmarkt beschaffen können. Den börsennotierten Venture-Capitalisten droht also die Austrocknung.

Neue Investitionen können sie sich ohnehin kaum noch leisten. Die Frage ist also, wie lange das Geld reicht, um die im Portfolio schlummernden, aber momentan unverkäuflichen Beteiligungsfirmen durchzufüttern - in der Hoffnung auf einen Börsengang in besseren Zeiten. Doch wann werden die Anleger wieder bereit sein, Anteile an risikoreichen Firmen aus den Portefeuilles der Wagniskapitalgeber zu kaufen? Frühestens in einem Jahr, glaubt Michael Stallmann, Chef des führenden deutschen börsennotierten Wagnisfinanziers, der TFG Venture Capital.

Angesichts eines so düsteren Ausblicks ist es nur konsequent, dass die TFG ihr gesamtes Portefeuille durchforstet und fast ein Viertel des Wertes abgeschrieben hat. Mit verbleibenden 70 Mill. Euro Cash-Reserven sieht sich der Wagnisfinanzier aus Marl für zwei Jahre versorgt. Auch wenn sich das als recht optimistisch erweisen könnte - bei anderen ist die Finanzdecke viel dünner. So hat zum Beispiel die Münchener U.C.A. nur noch etwa 20 Mill. Euro auf der hohen Kante und bei der Berliner BMP war zuletzt nur noch von 10 Mill. Euro die Rede.

Als Alternative bleiben noch Verkäufe von Beteiligungen an Investoren aus der Industrie. Doch auch hier ist angesichts der allumfassenden Sparwelle die Nachfrage nicht gerade riesig. Auch wenn die Preise stark gesunken sind - wer will sich jetzt neue Beteiligungen ans Bein binden, die womöglich noch jahrelang Kapital verbrauchen werden?

Die börsennotierten Venture-Capitalisten gehen also schweren Zeiten entgegen. Möglicherweise steht am Ende die Erkenntnis, dass es eben doch kein Zufall, sondern industrielle Logik ist, dass in den USA - im Heimatland der Aktienkultur - keiner der renommierten Finanziers junger High-Tech-Firmen an der Börse notiert ist.

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