Wer ausbildet, spart Geld.
Maßgeschneiderte Mitarbeiter

Das wissen auch die Top Drei der Ausbilder, Deutsche Bahn, Siemens und Daimler-Chrysler, nur zu gut.

Der Azubi trug auf dem Kongress unten abgewetzte Latschen und oben die blaue Uniform der Deutschen Bahn. Ausgerechnet an diesem Tag wollte die Bahn ihr Ausbildungssystem anderen Betrieben als besonders vorbildlich vorstellen. Als der Junge seinem Chef Rolf Knoblauch begegnet, packt ihn das schlechte Gewissen: "Die sind ein Grenzfall, Herr Knoblauch, ich weiß." "Ein extremer Grenzfall", antwortet der Leiter des Dienstleistungszentrum Bildung. Eine Stunde später waren die Treter durch passendes Schuhwerk ersetzt. Knobloch hatte gar nichts mehr sagen müssen.

Die Anekdote vom schnell reagierenden Turnschuhträger erzählt Knoblauch immer dann, wenn er das Ausbildungskonzept der Deutschen Bahn veranschaulichen will:"Wir achten darauf, dass unsere Lehrlinge selbständig arbeiten und ihre Fehler einsehen." Bekommen die Jungspunde eigene Aufgaben übertragen, flösse das investierte Geld sehr bald zurück, sagt Knoblauch. Die Experten geben dem Bildungschef der Bahn recht:"Ausbilden lohnt sich", sagt Günter Walden, Leiter des Arbeitsbereiches "Kosten, Nutzen, Finanzierung" im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Eine aktuelle Studie des Instituts hat ergeben: Azubis tragen schon während ihrer Lehrzeit zum Umsatz bei, Unternehmen können darauf verzichten, für teures Geld neue Mitarbeiter einzustellen. Über zweitausend Firmen haben die Bildungsexperten vom Bund befragt und die Kosten der Fachkräfte-Ausbildung mit ihrem wirtschaftlichen Nutzen verrechnet. Das Ergebnis: Brutto kostet ein Auszubildender in drei Jahren durchschnittlich 16435 Euro, netto, also nach Abzug seiner Arbeitsleistung, nur noch 7344 Euro. Die Summe, die ein Betrieb für die Rekrutierung "fremder" Fachkräfte spart, beziffert das BIBB mit nochmals 5765 Euro. Bleiben 1579 Euro für drei Jahre Ausbildung.

In der Landwirtschaft und im Handwerk ist die Relation sogar noch günstiger, in der Top-Ausbildungsbranche Industrie und Handel etwas schlechter. Auf der Nutzenseite können Unternehmen außerdem nicht greifbare Vorteile verbuchen: "Das betriebliche Image verbessert sich, das Risiko von Fehlbesetzungen sinkt, und ein Unternehmen erhält genau die Leute, die es braucht", sagt Walden. Alles zusammen genommen sparen Unternehmen daher Geld bei jedem Auszubildenden, den sie einstellen. Diese Vorteile haben die großen Ausbilder schon lange erkannt.

Deutsche Spitze bei den Lehrlingen ist der Siemens-Konzern mit rund 9 200 Auszubildenden, an zweiter und dritter Stelle liegen Daimler-Chrysler mit rund 9 000 und die Deutsche Bahn mit etwa 6 500 Azubis. "Weil wir in den USA an der Börse sind, brauchen wir unbedingt Leute, die sich im amerikanischen Bilanzierungsrecht auskennen", sagt Günther Hohlweg, Leiter von Siemens Professional Education. Die Bilanzierungsrichtlinien US-GAAP undIAS stehen an deutschen Berufsschulen nicht auf dem Lehrplan, Kaufleuten beiSiemens werden sie inExtra-Kursen vermittelt.

"Auszubildende können wir außerdem dauerhaft an unser Unternehmen binden", sagt Hohlweg. Die Abbrecherquote liegt laut dem Siemens-Bildungs-Chef bei 1 Prozent. Selbst wenn Azubis später weggehen und studieren, "kommen sie in der Hälfte der Fälle zurück", meint Hohlweg. Allerdings sind die Leute bei Siemens auch handverlesen. Das Unternehmen siebt mit schriftlichen Tests und Vorstellungsgesprächen. "Die Rechnung geht nur auf, wenn Betriebe ihre Lehrlinge sorgfältig auswählen, die Ausbildung sinnvoll organisieren und den Nachwuchs an allen Prozessen beteiligen", bestätigt Walden.

Mittelständische Unternehmen können so einen Aufwand oft nicht betreiben. "Aber selbst ein kleiner Handwerksbetrieb kann offensiver um gute Leute werben, zum Beispiel in den Schulen", meint der BIBB-Experte. Kleine Arbeitgeber mit wenig Spielraum bei den Personalkosten müssten ihre Vorteile gut verkaufen - und den späteren Fachkräfte-Bedarf besonders gut planen. Nur wenn ein Azubi in "verwertbare" Arbeitstätigkeiten eingebunden wird und seinen Beruf gründlich lernt, ist er dem Unternehmen eine Hilfe, lautet das Fazit von Walden. Genau hier liegt laut Bahn-Bildungschef Rolf Knoblauch die größte Schwierigkeit, wenn es darum geht Auszubildende zu beschäftigen: "Erst müssen wir uns darüber klar werden, wen wir überhaupt brauchen. Dann fangen wir an zu suchen, idealerweise einJahr vor Ausbildungsbeginn."

Bis sie fertig sind, brauchen die Azubis nochmal drei Jahre, rechnet Knoblauch weiter. Vier bis fünf Jahre im Voraus müssen sich die Bahn-Leute also überlegen, wo sie welche Fachkräfte einsetzen wollen. Ansonsten aber "sind Jugendliche besser als ihr Ruf", findet Knoblauch, pflichtbewusster und engagierter. Nur die Allgemeinbildung habe sich in den letzten Jahren verschlechtert. Ihre Techniker bringt die Bahn deshalb mit zusätzlichen Mathe- und Physikkursen auf Vordermann. Servicekräfte pauken betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse. "In der Schule werden die Leute zu Einzelkämpfern erzogen", kritisiert Hohlweg von Siemens. In München dagegen ist Teamarbeit gefragt. Die Auszubildenden müssen schon im Kennenlernseminar die ersten Projekte gemeinsam durchführen. Nicht jeder kommuniziert schließlich auch ohne viel Worte so gut wie der Turnschuhträger der Deutschen Bahn.

Quelle: Handelsblatt

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