Wer Böses erwartet, wird positv überrascht
Negatives Denken kann eine Kraft sein

Als beste Lebenseinstellung gilt den meisten Menschen in der westlichen Welt entweder eine realistisch oder eine optimistisch orientierte. Relativ wenige halten eine pessimistische für besser.

HB/dpa HAMBURG. In lebensberatenden Publikationen herrscht mit Blick auf Leistung und Erfolg die Empfehlung "positiven Denkens" eindeutig vor. Wissenschaftliche Befunde scheinen zu zeigen, dass dies auch besser für die Gesundheit ist.

Neue Ergebnisse der Persönlichkeits- und Verhaltensforschung sowie die Erfahrung zeigen jedoch, dass auch negatives Denken eine positive Kraft sein kann - ja, dass es manchmal dem Optimismus sogar überlegen ist. Das den Optimismus mit allem Guten und den Pessimismus mit allem Schlechten gleichsetzende Bild müsse dringend revidiert werden, stellt die Professorin für Psychologie am Wellesley College in Massachusetts (USA) Julie K. Norem in einer Studie fest, von der die Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim) einen Auszug veröffentlichte.

Norem stellt einem "strategischen Optimismus" einen "defensiven Pessimismus" gegenüber. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Haltung ist ihr Umgang mit der Angst. Die Autorin erläutert das an Situationen des privaten und beruflichen Lebens, in denen Scheitern, Versagen oder Enttäuschung zu drohen scheint. Also etwas, das auch Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl stark beeinträchtigen kann. Sie versucht zu zeigen, wie Pessimismus sich hier als eine Strategie erweist, die der des Optimismus überlegen ist.

Ängstliche Menschen, die in Erwartung unangenehmer Dinge mit dem Schlimmsten rechnen und unter anstrengender Aufbietung ihrer Fantasie alles mögliche Unheil durchdenken und durchleben, sind dann auch zu einer effektiven Planung für das Kommende in der Lage. Die Fähigkeit, Angst auszuhalten, wird kurzfristig dadurch belohnt, dass sich die Erfolgschancen bei Projekten vergrößern. Langfristig dadurch, dass man die eigenen Fähigkeiten kennen und auf sie vertrauen lernt. "Jeder Erfolg bestätigt, dass man in den meisten Fällen mit den Problemen fertig wird", schreibt die Professorin.

Defensiven Pessimisten wird klar, dass es gute Gründe gibt, ängstlich zu sein. Aber auch, dass es sich meist lohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen, um sie kontrollieren zu können. Im übrigen: Wer vorher auch an das Schlimmste gedacht hat, nimmt schon alles andere mit einer gewissen Erleichterung auf.

Die Forschung zeigt, dass defensive Pessimisten durchaus positive Gefühle haben. Der größte Teil ihres negativen Gefühlshaushalts hängt mit ihrer Angst zusammen. Solche Menschen lassen auch vielfältigere emotionale Erfahrungen zu als strategische Optimisten.

Von entscheidender Bedeutung für einen erfolgreichen defensiven Pessimismus ist, dass er nur vor der Angst machenden Situation, also präventiv, eingesetzt wird. Nachher kann negatives Denken schnell in unproduktives Grübeln ausarten.

Die Autorin bemerkt, dass Frauen in der westlichen Welt sich im Allgemeinen im Vergleich zu Männern als ängstlicher beschreiben und mit einer größeren Wahrscheinlichkeit als defensive Pessimisten eingestuft werden können. Sicher habe auch die traditionelle Frauenrolle die Tendenz unterstützt, dass vor allem Frauen den defensiven Pessimismus als Strategie für den Umgang mit der Angst anwenden.

Diese Art von Pessimismus hat nichts gemeinsam mit der grundsätzlich und radikal negativen Einstellung zur Welt und zum Leben des großen Philosophen des Pessimismus, Arthur Schopenhauer (1788-1860). Der defensive Pessimismus zeigt sich in der Praxis geradezu als Gegenposition zu dessen Auffassung, dass jedes Menschenleben "in der Regel nichts anderes ist als eine Reihe fehlgeschlagener Hoffnungen, vereitelter Entwürfe und zu spät erkannter Irrtümer".

Gute Erfahrung mit defensivem Pessimismus schließt nicht aus, dass Menschen mit einer grundsätzlich optimistischen Lebenseinstellung, die manchmal auch die Realität illusionär verzerren mag, ebenfalls gut fahren. Die Zeitschrift "bild der wissenschaft" (Stuttgart) berichtete unlängst über neue wissenschaftliche Befunde, die zeigen, dass Optimismus - ob strategisch oder nicht - der psychischen und auch der physischen Gesundheit förderlich sein kann. Die Studie von Julie K. Norem macht deutlich, dass es sowohl auf die psychische Disposition des Menschen als auch auf die Situation ankommt, ob Optimismus oder Pessimismus besser ist.

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