Wer breit genug aufgestellt ist, sollte vor einer Katerstimmung keine Angst haben
Bank- und Versicherungsaktien: Die erste Liga

Britische Banken haben ihre Aktionäre in den letzten Jahren mit steigenden Kursen beglückt. Die Zukunft wird schwieriger, bietet aber immer noch Chancen.

LONDON. Die Karnevalsstimmung ist nicht nur in Deutschland vorerst vorbei. Es scheint fast so, als könne auch unter den britischen Banken in der nächsten Zeit die Fastenzeit anbrechen. Zumindest breitet sich kurz vor Veröffentlichung der Jahresergebnisse der Institute so etwas wie verhaltener Pessimismus aus. "Viele kleine Ereignisse lassen uns glauben, dass sich der Sektor in Zukunft nicht mehr so gut entwickeln wird", sagt etwa Mark Thomas von der Investment-Bank Fox-Pitt, Kelton.

Dabei hat man sich an die Dominanz der britischen Banken fast schon gewöhnt. Die Institute von der Insel haben über zwei Jahre die Banken auf dem Kontinent regelmäßig um Längen ausgestochen. Wer zu Beginn des neuen Millenniums einen Korb britischer Bankaktien gekauft hatte, erntete zwei Jahre danach ein Plus von satten 11 Prozent. Im gleichen Zeitraum verloren die Banken des Euro-Stoxx-Index fast ein Fünftel ihres Wertes. Der gesamte Euro-Stoxx gab im gleichen Zeitraum fast ein Drittel ab.

Die Kollegen auf dem Festland weisen neidisch auf die Gründe für die Dominanz der britischen Banken auf dem europäischen Aktienmarkt hin. Da ist zum einen die Konzentration: Während in Deutschland die fünf größten Institute auf einen Marktanteil unter 20 Prozent kommen, bedienen die "Big Five" in Großbritannien - Lloyds TSB, Barclays, Royal Bank of Scotland, HSBC und HBOS - mehr als zwei Drittel des Marktes. Deshalb, und weil sie nicht mit öffentlich-rechtlichen Kreditinstituten konkurrieren müssen, können sie höhere Preise verlangen. Das treibt die Gewinnmargen in Bereiche, von denen deutsche Kreditinstiute nur träumen können.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit: Die britischen Banken haben auch ihre Hausaufgaben früher gemacht als andere. Während in den meisten Ländern Europas noch immer über nationale Konsolidierung gesprochen wird, ist sie in Großbritannien schon erfolgt. Die Zusammenschlüsse - zuletzt Halifax und Bank of Scotland zu HBOS oder Royal Bank of Scotland mit NatWest - haben die schwachen Spieler vom Markt verdrängt und viele hoch kapitalisierte "Power-Häuser" geschaffen. Die Bankmanager achten nach Ansicht von Analysten zudem stärker auf Effizienz als anderswo. "Die Mentalität in Deutschland war doch über Jahre so, dass schlechte Margen akzeptiert wurden", sagt Piers Brown, Analyst der Commerzbank. Wer so etwas nicht akzeptiert, den belohnt der Markt mit höheren Aktienkursen.

Doch auch auf der Insel brechen allmählich schwierigere Zeiten für die Banken an. Denn es gibt Zeichen, dass der Bank-Boom zumindest nachlässt. Die zu erwartende Runde von Zinsanstiegen dürfte von Großbritannien ausgehen, glaubt etwa Analyst Thomas von Fox-Pitt, Kelton. Nach seiner Ansicht wird die Bank of England die Zinsen in diesem Jahr in zwei Schritten um einen halben Prozentpunkt erhöhen, stärker als die Europäische Zentralbank. Das habe nicht nur eine negative psychologische Wirkung, sondern erhöhe auch die Kreditausfallrate bei den Instituten.

"Wir glauben nicht an eine katastrophale Verschlechterung der Kreditqualität", sagt ein Analyst der Schweizer Investment-Bank Credit Suisse First Boston (CSFB). Aber es gebe "Potenzial für Enttäuschungen". Die geringsten Kreditrisiken der Großbanken sieht CSFB noch bei Lloyds TSB. Weil sich CSFB auch nicht der oft geäußerten Meinung anschließt, dass Lloyds? Eigenkapitalrentabilität von mehr als 30 Prozent rapide sinken wird, bleibt die Großbank auf der Kaufliste.

Von steigenden Zinsen sind die Hypothekenbanken besonders betroffen. Sie dürften feststellen, dass die Konsumenten nicht so stark in den Immobiliensektor investieren wie bisher. Der boomende Hausmarkt auf der Insel war bisher ein wesentlicher Grund dafür, dass sich die Verbraucher beim Konsum nicht so stark zurückhalten wie anderswo. Das wiederum führte zum stärksten Wachstum unter den sieben führenden Nationen (G7). Doch das erwartete schlechtere Szenario wirkt sich aus: Die US-Investment-Bank Goldman Sachs erwartet "einen Rückgang des Wachstums" im laufenden Jahr vor allem bei den Hypothekenbanken. Gegenüber dem Jahr 2001 dürfte sich das Volumen neuer Kredite für Immobilien um rund 18 Prozent auf 47 Mrd. Pfund (rund 76 Mrd. Euro) reduzieren. Das wäre zwar immer noch das zweitbeste Jahr überhaupt, aber eben weniger als 2001.

Für die Hypothekenbank Abbey National spricht die Commerzbank daher eine etwas kuriose Kaufempfehlung aus: Zwar musste die Bank gerade erst rund 95 Mill. Pfund an Enron-Krediten abschreiben, und auch das Management gilt nicht als populär - so ließ der Chef Ian Harley erst vergangene Woche drei seiner Vorstände auswechseln und die Zuständigkeiten neu sortieren. Doch gerade das lasse die Aktie derzeit deutlich unter Wert handeln. Da die Resultate für 2001 die Investoren nicht enttäuschen dürften, gehört Abbey zu den Favoriten der Commerzbank.

Die allgemein besten Aussichten für einen zukünftig schwierigeren Markt haben Banken, die breit aufgestellt sind. Die Royal Bank of Scotland etwa ist der Favorit der US-Investment-Bank Goldman Sachs. RBOS hat eine breite Palette im Geschäft mit Privatkunden, großen und kleinen Unternehmen sowie im Vermögensmanagement. RBOS wird zudem nicht nur wegen seiner geräuschlosen 30 Mrd. Euro schweren Integration der National Westminster Bank geachtet: Obwohl die Bank es dementiert, gehen Beobachter von einem Interesse an der durch einen Devisenhandelskandal geschwächten Allied Irish Bank aus.

Nach Meinung der Analysten von CSFB ist vor allem Barclays für die zukünftigen Aufgaben gerüstet. Die britische Bank profitiert von einem breit aufgestellten Geschäft und einer "vorsichtigen Kreditvergabe", schreiben die Analysten. Wer breit genug aufgestellt ist, sollte vor einer Katerstimmung keine Angst haben.

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