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Wer ist der Grinch?

Niemand möchte der Grinch sein. Denn der Grinch ist ein Miesepeter, ein Spielverderber. Ein grünes Fabelwesen, das nur Böses im Sinn hat. Der Grinch hat Weihnachten gestohlen. Klar, dass im politischen Ottawa niemand der Grinch sein will.

Niemand möchte der Grinch sein. Denn der Grinch ist ein Miesepeter, ein Spielverderber. Ein grünes Fabelwesen, das nur Böses im Sinn hat. Der Grinch hat Weihnachten gestohlen. Klar, dass im politischen Ottawa niemand der Grinch sein will. Weder Premierminister Paul Martin noch die Vorsitzenden der drei Oppositionsparteien, Stephen Harper, Gilles Duceppe und Jack Layton.

"How the Grinch stole Christmas" (Wie der Grinch Weihnachten stahl) ist ein populäres Kinderbuch in Kanada, geschrieben von Dr. Suess. Der Grinch ärgert sich über die glücklichen Menschen in Who-ville, die sich auf Weihnachten freuen. Er hasst Weihnachten wegen der Geschenke, der Lieder und des Glockengebimmels. Und so beschließt er, sich als Weihnachtsmann zu verkleiden und am Abend vor dem Weihnachtsfest (in Kanada ist die Bescherung am Morgen des 1. Weihnachtstags) durch die Kamine in die Wohnzimmer einzudringen und alle Geschenke zu stehlen. Was ihm auch gelingt.

Nun wird den Kanadiern wohl Weihnachten gestohlen. Jedenfalls nach Ansicht derer, die meinen, dass die Kanadier ein hochpolitisiertes Volk sind und sich ständig mit Politik befassen. Wenn nicht alle Parteien noch zur Besinnung kommen, dann knallt es Ende November im Parlament: Die Regierung wird gestürzt, das Parlament aufgelöst und der Wahlkampf beginnt, der sich über die Weihnachtszeit und die Weihnachtsfeiertage erstrecken und zur Wahl Abfang Januar führen wird. Und den Kanadiern wird die schöne besinnliche Weihnachtszeit gestohlen, weil sie ja ständig an Politik denken müssen. Statt sich an den Weihnachtsfeiertagen friedlich im Familienkreis zu erholen, werden sie sich die Köpfe einschlagen, weil ja unter dem Baum politisiert werden muss.

Keine Partei will das, und doch steuern alle drauf zu. Premierminister Paul Martin will erst im April wählen lassen, den Oppositionsparteien ist das zu spät. Sie brachten im Parlament einen Antrag ein, dass Martin das Parlament Anfang Januar auflösen und Wahlen in der ersten Februar-Hälfte ansetzen lässt. Das lehnen Martin und seine Liberale Partei aber ab. Daher sehen sich die Oppositionsparteien gezwungen, in dieser Woche einen Misstrauensantrag im Parlament einzubringen und die Regierung - vermutlich am 28. November - zu stürzen. Womit der Mechanismus ausgelöst wird, der zum Wahlkampf und zur Wahl führt.

Da aber die Kanadier die Wahl jetzt eigentlich garnicht wollen, haben die Schuldzuweisungen bereits begonnen, wer für die Störung der friedlichen Weihnachtszeit verantwortlich ist. Für Martin ist es natürlich die Opposition, die den Parteien den Winterwahlkampf bescheren und - als Grinch - den Kanadiern durch Parteipolemik die Stimmung vermiesen. Für Stephen Harper, Chef der Konservativen Partei, Gilles Duceppe vom Bloc Quebecois und Jack Layton von der sozialdemokratischen New Democratic Party aber ist Paul Martin der Grinch, da er sich kompromisslos zeigt.

Den Kanadiern ist´s wahrscheinlich wurscht. Vermutlich werden sie sich noch weniger als bisher um Politik scheren, die Wahlkampfparolen an sich vorbeirauschen lassen und zu Weihnachten singen, essen und feiern. Und niemand wird sich darum scheren, wer der Grinch ist. Im Zweifelsfall alle Politiker. Anfang des Jahres werden sie es all den Grinchen zurückzahlen. Die Wahlbeteiligung, so mutmaßen Meinungsforscher, wird wohl ein Rekord-Tief erreichen.

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