Wer jetzt investiert, muss Geduld mitbringen
Comeback der Ex-Monopolisten

Die Börse findet wieder Gefallen an den europäischen Telekom-Aktien. Aber nicht alle Titel werden den Anlegern kurzfristig Freude bereiten.

Die Gründer suchten nach einem Wort mit Zukunft. Schon Anfang der 80er-Jahre hatten sie die Vision, dass man eines schönen Tages Sprache und Daten drahtlos übertragen würde. Also kombinierten sie "Voice" und "Data" plus "Phone" - heraus kam Vodafone. Was folgte, war ein beispielloser Aufstieg zu einem globalen Mobilfunkgiganten, der auf seinem Weg nach oben auch den traditionsreichen Mannesmann-Konzern ("D2") schluckte. Vodafone hat sich vom Außenseiter in die erste Liga der Telefonkonzerne gespielt, während andere Newcomer auf der Strecke blieben. Heute konzentrieren sich die Analysten auf eine Spitzengruppe von vielleicht zehn Titeln, wobei die Ex-Monopolisten und die Ausnahmeerscheinung Vodafone im Mittelpunkt stehen.

Insgesamt hat sich die Stimmung bei den Experten und Investoren gedreht, die Bankgesellschaft Berlin etwa hat den europäischen Telekommunikationssektor von neutral auf positiv heraufgestuft. France Télécom und die Deutsche Telekom habe man beispielsweise mit Kaufempfehlungen versehen, erklärt Branchenanalyst Ralf Hallmann, allerdings gelte dies für einen Anlagehorizont von "mindestens zwölf Monaten". Denn kurzfristig seien noch Belastungsfaktoren zu überwinden, etwa bei der T-Aktie das Auslaufen der Lockup-Periode für die Voicestream-Aktionäre am 30. November oder der Finanzierungsbedarf bei Mobilcom, an dem France Télécom über die Tochter Orange beteiligt ist. Ferner dürfte die Neugewichtung der MSCI-Indizes anhand des Streubesitzes die Telekom-Titel von Ende November bis zum Mai nächsten Jahres streckenweise unter Druck geraten lassen.

Auf längere Sicht sind die Bedenken aber geringer geworden. Hauptgrund für den Sinneswandel der Analysten ist die Verschuldungssituation der Telekomkonzerne, die nicht mehr ganz so dramatisch gesehen wird. Denn sinkende Zinsen lassen den Schuldendienst erträglicher wirken, zudem haben die meisten Unternehmen noch einige Vermögensteile, die sie versilbern oder an die Börse bringen können, wie etwa die von Telekom-Chef Ron Sommer geplante Emission von T-Mobile im nächsten Jahr. "Die Verschuldung wird zurückkommen, und die operativen Ergebnisse werden steigen", sagt Frank Rothauge, Telekom-Experte bei Oppenheim Finanzanalyse. Die Banken achten dabei vor allem auf die Verhältniszahl von Nettoverschuldung zu Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Sie gibt an, um welchen Faktor die Verbindlichkeiten das operative Ergebnis übertreffen, und hier deute sich bei den meisten Telekomgesellschaften eine rückläufige Tendenz an, erklärt Rothauge.

Das Research der LBBW meint, dass die Rating-Agenturen mittelfristig ein Verhältnis von drei zu eins der Nettoverschuldung zum Ebitda als Obergrenze für ein A-Rating ansehen. Das heißt, in ein paar Jahren könnte sich die Bonität der Telekom-Konzerne wieder merklich gebessert haben, was die Kapitalbeschaffung verbilligen sollte. Als unsichere Kandidaten bei der Bewältigung der Schuldenlast gelten KPN und die finnische Sonera. Zwar sei KPN als "Turbo auf dem ganzen Telekomsektor" nur etwas für ganz risikobewusste Investoren. Dennoch seien hier Szenarien für die Stabilisierung des Geschäftes denkbar, meint Rothauge. Für Sonera gibt es dagegen im Analystenlager Zweifel, ob das ein Turnaround-Kandidat ist.

Telekom-Analyst Andreas Heinold von der LBBW ist bei der Beurteilung des Sektors noch vorsichtig optimistisch, die Branche sei derzeit an der Börse "angemessen bewertet". "Es kommt sehr darauf an, dass man die richtigen Aktien hat." Die spanische Telefónica erwirtschafte beispielsweise 50 Prozent ihrer Erlöse in Südamerika, entsprechend schwierig werde das Geschäft, wenn die Landeswährungen in Brasilien und Argentinien abgewertet werden, sagt Heinold. Bei British Telecom weiche die Phantasie aus der Aktie, wenn nach der Abspaltung der Mobilfunktochter MM02 praktisch nur noch das Festnetzgeschäft übrig bleibt. Deshalb laute das Anlageurteil auf "Underperformer", erläutert Heinold.

Als eine Art sicherer Hafen in der Branche gilt Swisscom. Das Unternehmen habe sich auf nur eine UMTS-Lizenz in der Schweiz zurückgezogen und versuche sich im Ausland über das Mieten von Netzkapazitäten als "virtueller Diensteanbieter", erklärt Hallmann von der Bankgesellschaft Berlin. Andererseits habe die Aktie dadurch nur begrenzte Kursphantasie, das Anlageurteil lautet auf "Akkumulieren". Und eine Art Spezialität ist Portugal Telecom, die von den Analysten bei Merrill Lynch vor allem wegen ihrer "Heimatstärke" gelobt wird. Im Festnetzbereich verteidige das Unternehmen eine Ebitda-Marge von 43 Prozent, weil die Kostensenkungen Erfolge zeigten.

Den großen Durchbruch für die Branche wird erst die UMTS-Technologie (Universal Mobile Telecommunications System) plus der neuen Handys bringen. Gegenüber ISDN schrumpft die Download-Zeit für einen Videoclip dann von acht Minuten auf 14 Sekunden. Wegen der technischen Probleme glauben die Analysten aber kaum noch daran, dass die Bilder schon im nächsten Jahr das Laufen lernen.

Wer jetzt in die relativ kursgünstigen Titel einsteigt, muss also eine gehörige Portion Geduld mitbringen.

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