Wer tritt die Nachfolge an?
Die Ära nach Leo Kirch

Die Unternehmensgruppe des Leo Kirch ist so aufgebaut, dass nur einer sie wirklich durchschauen konnte: er selbst. Wenn die Insolvenzverwalter jetzt daran gehen, die Zukunft der Gruppe neu zu strukturieren, dürften einige Überraschungen auf sie warten. Die mögliche Fortführung der Geschäfte: Wie könnte sie aussehen?

dpa HAMBURG. Das System des Leo Kirch bedingte sich wechselseitig in einem hochkomplexen Gebilde aus Film- und Rechtehandel, Kanälen und Programmen. Am Anfang aller Überlegungen sollte die Frage stehen, ob die Gruppe nur geschlossen weiter zu führen ist oder auch in Teilen. Die umfassende Auffanglösung ist nach Ansicht von Branchenexperten kaum realistisch. Bliebe die Aufspaltung: Dann fehlte den Kirch- Sendern ProSieben, SAT.1, Kabel 1 und den Kleinsendern nicht nur ihr Hauptgesellschafter, sondern vor allem ihr Lieferant an Film- und Sportrechten. Umgekehrt bliebe der neue Besitzer der Filmrechte ohne Sender auf dem Trockenen.

Das größte Problem stellt ohne Zweifel der Pay-TV-Bereich dar: Mitte der neunziger Jahre verfiel Leo Kirch auf die Idee, das digitale Pay-TV zu dominieren. Binnen weniger Monate kaufte Kirch beinahe alle verfügbaren Rechte für fabulöse Summen auf, darunter die Fußball-WM, Filmrechte in Hollywood, hatte technische Begleitkosten und steckte fast nebenbei noch Milliarden ins italienische Pay-TV. Hier liegt der Kern der Pleite.

Rupert Murdoch könnte am Engagement des Pay-TV interessiert sein, er ist 22-Prozent-Gesellschafter bei Premiere, betreibt mit BskyB ein erfolgreiches Abonnementfernsehen in Großbritannien und hat Geld. Doch die Last der von Partner Kirch bei den Hollywood-Studios zu teuer eingekauften Rechte drückt ihn ebenso wie die Erkenntnis, dass Pay-TV in Deutschland schwer an den Kunden zu bringen ist. Was soll jetzt werden? Vier schlecht besicherte Gläubigerbanken haben sich zusammen geschlossen, um nicht alles zu verlieren. Sie können den Betrieb eigentlich nicht einmal übergangsweise führen, da ihnen dafür die Expertise fehlt. Investoren müssten her, doch die sehen vor allem erst einmal ihre eigenen Interessen - und die können von den Zielen der Banken ziemlich stark abweichen. Das mussten sie bei den Gesprächen mit den Alt-Investoren wie Murdoch oder Silvio Berlusconi erfahren.

Wer kommt noch in Frage? Bertelsmann fällt aus kartellrechtlichen Gründen aus. Daneben ist in Deutschland niemand mehr, der das Film- und Fernsehgeschäft in dieser Größenordnung beherrscht. Der Axel Springer Verlag wäre ein Kandidat, aber nicht als alleiniger Investor. Ein Interesse an der Fortführung hat der Verlag schon deshalb, weil er eine Forderung über 767 Millionen Euro für seine Anteile an ProSiebenSAT.1 retten will. Ob darüber hinaus sehr viel finanzieller Spielraum übrig ist, kann nach dem schlechten Ergebnis des vergangenen Jahres bezweifelt werden.

Geld hat ein anderer großer Verlag: Die WAZ-Gruppe ist finanziell sehr potent und gilt als möglicher Investor. Doch zum einen ist sie schon Gesellschafter bei der konkurrierenden RTL Group und zum anderen liegt ihr Hauptinteresse eher an einer Beteiligung von Leo Kirch: Dem 43-Prozent-Anteil am Axel Springer Verlag.

Käme noch der "weiße Ritter" in Betracht, beispielsweise ein US- Investor mit einem Sack voller Milliarden. Der sollte sich jedoch keine Illusionen machen: Neben den wirtschaftlichen Altlasten wird er bei einem Neuanfang auch mit einer scharfen Kontrolle durch die Medienaufsicht rechnen müssen. Zu lange hatte sie Leo Kirch immer wieder an der Nase herum geführt. Jetzt, nach der Pleite, werden die Strukturen sichtbar und die Aufsichtsbehörden schauen genau hin.

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