Wer unter den Analysten noch gelitten ist
Neuer Markt – Was von der Party übrig bleibt

Der Kurs-Höhenflug der vergangenen beiden Tage kann über das Desaster nicht hinwegtäuschen. Stand der Auswahlindex Nemax 50 Anfang 2000 bei 9631 Punkten, so notiert er nur noch bei rund 420 Punkten. Waren vor zwei Jahren noch 346 Unternehmen am Neuen Markt gelistet, so sind es inzwischen nur noch 259. Betrug die Marktkapitalisierung des Wachstumssegmentes zur besten Zeit etwa 230 Mrd. Euro, so sind es nur noch 30 Mrd. Euro.

FRANKFURT/M. Und wenn die Deutsche Börse im kommenden Jahr das einst als europäisches Gegenstück zur Nasdaq gefeierte Wachstumssegment zu Grabe trägt, werden nach Schätzungen von Experten nicht einmal die Hälfte davon den Gang an den transparenten Prime Standard mitgehen. Der Rest dürfte sich dann im Domestic Standard wiederfinden, für den lediglich nationale Mindestanforderungen gelten, und der allein deswegen als wesentlich spekulativer gilt.

Was heißt das für den Anleger, der sein Geld am Neuen Markt investiert hat oder investieren will? Nur knapp ein Viertel der 259 gelisteten Unternehmen sind weiterhin für den Anleger interessant, ist der Tenor von Experten, die das Handelsblatt befragt hat. 59 Aktien finden derzeit bei Analysten noch ein gewisses Maß an Zustimmung und Vertrauen. Die übrigen Titel gelten entweder als Zockerwert, oder der Gesellschaft wird langfristig keine Überlebenschance zugebilligt.

Auffällig bei den ausgewählten Unternehmen ist, dass die meisten davon aus den Bereichen Industrial Services und Technologie kommen. Es sind also Werte wie Hightech-Maschinen- und Komponentenbauer, die der "old economy" nahe stehen. Sie haben in den meisten Fällen ihre Nische gefunden, in der sie sich behaupten können.

Aixtron und Singulus gelten als gesetzt

Namen wie die der Spezial-Anlagebauer Aixtron oder Singulus gelten bei solchen Listen stets als gesetzt. Auch Medion, Mühlbauer oder WET sind unumstritten. Interessanter wird es, wenn man einen Blick auf die zweite Reihe wirft. Einstmals angesehene Werte wie Pankl, Pfeiffer Vacuum, Technotrans, LPKF Laser oder Teleplan mussten zuletzt Ergebnis- Rückschläge hinnehmen. Beispielsweise führte bei LPKF die Konsolidierung der Laser-Sparte zuletzt zu einem Rückgang des Gewinns. Doch dieser Schritt dürfte sich auszahlen, denn für die nähere Zukunft rechnen die Experten von HSBC Trinkaus & Burkhard mit viel versprechenden neuen Aufträgen im Bereich Laser Systeme.

Pfeiffer Vacuum tritt nach grottenschlechten Halbjahreszahlen die Flucht nach vorne an. Das Unternehmen erhöht die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um sieben Prozent. "Pfeiffer Vacuum investiert trotz des schwierigen Umfelds, um sich auch in Zukunft behaupten zu können", sagt Marcus Rattun von der Nord LB.

Wesentlich trüber als bei Industrial Services und der Technologie sieht es in den klassischen Neue-Markt-Branchen Software, IT und Internet aus. In der Internet-Branche - dem Inbegriff der new economy - erlebten die großen Werte wie T-Online, United Internet und Web.de zwar kürzlich erst eine Renaissance, trotzdem sind die Gesamtaussichten für die breite Masse der Aktien düster. Nur wer seine Nische gefunden hat wie die Online-Agentur Antwerpes, die ihren Schwerpunkt in der Medizinbranche hat, oder der Finanzdienstleister Onvista, ist bei Analysten gelitten.

Düstere Prognosen für Software und IT

Ähnlich düster ist die Situation bei Software und IT. Relativ gut aufgestellt ist dort, wer sich im Umfeld des Software-Giganten SAP bewegt. Größen wie SAP SI oder IDS Scheer sind hier nach wie vor gut positioniert. Die zweite Reihe mit Novasoft und Realtech ist den Umständen entsprechend auch ganz gut im Geschäft. Dahinter zählt wieder die bereits angesprochene Nische: FJA und Cor profitieren von der Spezialisierung auf Versicherungs- Software, Soft M lockt speziell den Mittelstand mit preiswerten Software-Lösungen.

Auch die Biotech-Werte haben ihre Stellung als Anlegers Liebling längst eingebüßt. Bei den meisten stehen den hohen Forschungsausgaben noch immer geringe Umsätzen gegenüber. Bei vielen Werten stellen sich die Analysten daher die Frage gestellt, wie lange die flüssigen Mittel noch reichen. Unumstritten sind allerdings weiterhin BB Biotech und Qiagen. Lion Bioscience verfügt zudem über die höchsten Cash-Reserven aller deutschen Biotechs. Positive Überraschung war nach einer Reihe guter Nachrichten zuletzt jedoch Macropore, deren Aktie gegen den allgemeinen Abwärtstrend zulegen konnte.

Starkes Umsatz- und Gewinnwachstum zeigte in der verwandten Medizintechnik zuletzt Wavelight Laser Technologie und schaffte damit eine gewisse Ausnahmeposition. "Die momentane Unterbewertung spiegelt in keiner Weise die starke strategische Marktposition wider" heißt es bei HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Ganz trübe sieht es hingegen für Finanz-, Medien- und Telekomtiteln aus. Die beiden verbliebenen Finanzwerte Comdirect und Direktanlagebank kämpfen mit den Folgen der Börsenflaute. Der Medienbereich leidet unter den Nachwirkungen der Kirch-Krise. Und die diversen Telekom-Aktien bieten ein Bild wie ihr einstiges Aushängeschild Mobilcom: Das Gründungsunternehmen des Neuen Marktes aus Büdelsdorf wurde hochgejubelt, ist tief gefallen und sucht nach einem Weg aus der Krise.

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