Wer wird Bayerns neuer Ministerpräsident?
Hauen und Stechen um Becksteins Erbe

Im Lager von Horst Seehofer kann man die Ambitionen von Joachim Herrmann gar nicht fassen. „Balu der Bär“, wie man ihn in CSU-Kreisen mit Spitznamen nennt, sei doch „nicht der richtige Mann, um die Nachfolge von Ministerpräsident Günther Beckstein anzutreten“, sind sich die Seehoferianer sicher, „provinziell, überhaupt kein Weltniveau“. Unter Weltniveau aber soll nach dem Rücktritt Becksteins in Bayern niemand mehr Regierungschef werden.

MÜNCHEN. Doch nicht nur der frühere Fraktionschef und jetzige Innenminister Herrmann hat am frühen Nachmittag in einer Sitzung der Landtagsabgeordneten den Hut in den Ring geworfen. Es gibt zur großen Überraschung an diesem Tag gleich vier Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten. Neben Herrmann sind es Fraktionschef Georg Schmid, Wissenschaftsminister Alfons Goppel und der designierte CSU-Chef Horst Seehofer. Der Partei droht damit nach der verheerenden Wahlniederlage eine quälende Debatte – vielleicht sogar bis zum Parteitag am 25. Oktober.

Wie sich die konkurrierenden Lager aufstellen, wurde schon deutlich. In Bayern gibt es sieben mächtige CSU-Bezirksverbände, die sich überhaupt nicht einig sind. Die Oberbayern wollen etwa nach Beckstein keinen Franken mehr wählen. Innenminister Herrmann kommt aus Mittelfranken und scheidet nach diesem Denkschema aus. Altgediente Christsoziale bringen dagegen inhaltliche Argumente ins Spiel und debattieren über das Für und Wider einer Doppelspitze. So spricht sich der einflussreiche Landtagspräsident Alois Glück gegen Seehofer als Regierungschef aus und setzt weiterhin auf eine Doppelspitze. In der starken CSU-Landesgruppe in Berlin gibt es viele, die um ihre Abgeordnetensitze bei der Bundestagswahl 2009 zittern. Für sie ist die Doppelspitze längst passé.

Der designierte CSU-Chef Seehofer hält sich – wie schon im Machtkampf um den Parteivorsitz – auch jetzt auffällig zurück. Er ist sich offenbar wieder sicher, dass er die besten Chancen hat. Laut Teilnehmern der Sitzung der Landtagsfraktion sagte Seehofer nur, er sei bereit, das Regierungsamt zu übernehmen. Mehr nicht. Seehofer lässt damit der CSU-Fraktion den Vortritt. Der gewiefte Taktiker muss sich das Vertrauen der Landtagsabgeordneten erst wieder erkämpfen. Zu oft hat er sie in den vergangenen Jahren spüren lassen, was der Bundespolitiker Seehofer von der politischen Klasse in München hält. Nicht sehr viel.

Noch nicht verziehen ist auch sein überraschender Rücktritt als Bundesgesundheitsminister im Kabinett von Helmut Kohl, als ihn die Fraktion im Maximilianeum als „Politik-Diva“ abstempelte. All das steht zwischen Seehofer und der Fraktion wie eine unsichtbare Wand. Sollten sich die Landtagsabgeordneten doch noch hinter ihn stellen – ohne die katastrophale Wahlniederlage der CSU vom Sonntag wäre das unvorstellbar gewesen.

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