Werbefreie Zone: Wirtschaft knausert beim Kampf gegen Doping

Werbefreie Zone
Wirtschaft knausert beim Kampf gegen Doping

Auf 30 Millionen Euro hoffte die Nationale Anti-Doping-Agentur. 6,5 Millionen sind es geworden. Vor allem die Wirtschaft verweigert sich. Jetzt will Adidas mitmachen - als drittes Unternehmen.

BONN. Schon die verhalten freundliche Einleitung verhieß den Dopingbekämpfern nichts Gutes: "Die Diskussion hat ergeben, dass wir dem Projekt prinzipiell sehr positiv gegenüber stehen", schreibt ein deutscher Pharmakonzern. "Von einer direkten Beteiligung möchten wir jedoch Abstand nehmen. Dabei haben wir uns von der Überlegung leiten lassen, dass das derzeit sicher bestehende Glaubwürdigkeitsproblem der Pharmaindustrie durch eine solche Beteiligung eher noch verschärft würde..."

Eine Antwort auf einen Bittbrief von Bundesinnenminister Otto Schily und dem Präsidenten des Deutschen Sport-Bundes (DSB), Manfred von Richthofen. Sie hatten sich vor gut einem Jahr an etwa 20 große deutsche Konzerne gewandt und sie aufgefordert, "an einer globalen Vision mit starkem nationalen Bezug und hoher gesellschaftlicher Verantwortung zu partizipieren". Das heißt: Geld zu geben für die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada. Die meisten Antworten ähnelten der oben zitierten.

Seit gut zwei Jahren mühen sich Schily, von Richthofen und die Nada- Organisatoren um die Unterstützung der Wirtschaft. Aber nur die Deutsche Telekom und die Deutsche Bank beteiligen sich mit 50 000 Euro jährlich an der Nada. Ab diesem Jahr will der Sportartikelriese Adidas-Salomon die gleiche Summe beisteuern. "Der Vertrag ist zwar noch nicht unterschrieben. Wir werden der Nada aber bald beitreten", kündigt Konzernsprecher Jan Runau an. "Ein Unternehmen wie Adidas muss sich auch grundsätzliche Gedanken über die Verfassung des Sports machen." Andere Konzerne, die Millionen in den Sport investieren, sehen das wohl anders. Wenn es um den Kampf gegen Doping geht, knausern sie. Auf eine zweite Werbeaktion der Nada gab es ähnlich negative Reaktionen wie auf den Schily-Brief.

Die Nada, eine privatrechtliche Stiftung, soll den Kampf gegen Doping in Deutschland koordinieren. Sie soll eine einheitliche Sportgerichtsbarkeit aufbauen, Dopingkontrollen organisieren und mit den Analyseinstituten zusammenarbeiten. Bislang hatte eine Kommission von DSB und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) einen Teil dieser Arbeit geleistet. Die Übergabe soll heute in einer Pressekonferenz näher erläutert werden.

Knapp 1,3 Millionen Euro jährlich hat die Nada zur Verfügung. Ursprünglich sollten es drei Millionen Euro werden, aufgebracht aus den Zinsen des Stiftungskapitals. 30 Millionen Euro müssten zusammen kommen, vor allem von der Wirtschaft, hatten das zuständige Innenministerium und der DSB reichlich optimistisch gehofft. 6,5 Millionen Euro sind es geworden. "Wir kommen gerade hin", sagt Peter Busse, Vorstandsvorsitzender der Nada und früher stellvertretender Chef der Gauck-Behörde. "Alles, was zusätzlich in die Kasse kommt, soll für Prävention ausgegeben werden."

Noch aber hat Geschäftsführer Roland Augustin anderes zu tun. Noch haben sich seine vier Mitarbeiter kaum eingerichtet in dem massiven Gründerzeithaus, das ihnen die Stadt Bonn überlassen hat. Noch sind die Wände kahl weiß, noch sind einige Schreibtische unbesetzt, noch führt Augustin Vorstellungsgespräche, um die letzten beiden offenen Stellen zu besetzen. Augustin, vor seinem Wechsel nach Bonn Abteilungsleiter beim Deutschen Teppich-Forschungsinstitut in Aachen, steht erst am Anfang seiner Arbeit. "Vor allem habe ich derzeit noch mit dem Aufbau der internen Organisation zu tun", sagt er. Die Nada ist erst seit dem 22. November rechtsfähig.

Anfangs wollten viele Firmen kein Geld geben, weil sie sich ungenügend informiert fühlten. Aber auch jetzt, ein halbes Jahr, nachdem Schily und von Richthofen Mitte Juli bei der etwas voreilig anberaumten Gründungsfeier salbungsvolle Reden hielten, läuft die Suche nach Finanziers schleppend. "Einige Firmen haben offenbar ein Problem damit, dass sie ihre Zahlungen an keinerlei Bedingungen stellen können", sagt Augustin. Die Nada zu fördern, das sei "ähnlich wie den Bundestag zu sponsern", pflichtet Hartmut Zastrow bei. Der Geschäftsführer des Instituts Sport + Markt erläutert, "die Nada muss extrem neutral sein." Eine Art werbefreie Zone. Als Marketingleiter würde Zastrow "höchstens eine Spende empfehlen". Jochen Schäfer, Syndikus des Weltverbands der Sportartikelindustrie und Partner der Kanzlei Rödl & Partner, lobt dagegen, "alles, was den Sport glaubwürdiger macht, hilft den Unternehmen".

Um die Akquise zu erleichtern, will die Nada jetzt mit NOK und der Deutschen Sport-Marketing GmbH kooperieren. Zuständig dafür ist Hubertus Schröder, Vorstandsmitglied der Stiftung und Direktor der Versicherungsgesellschaft Deutscher Herold. Schröder ist ein Veteran der Sportförderung, er redet gerne über Dinge wie Sozialverantwortung und Vorbildcharakter und davon, dass es Firmen gebe, "die ethische Werte fördern. Wir müssen sie nur finden." Immerhin, das macht ihm Mut, "drehen sich die Leute beim Thema Nada nicht gelangweilt ab".

Aber Schröder weiß auch, dass kaum jemand sich freiwillig mit dem Thema Doping in Verbindung bringen lässt. Also ist er vorsichtig. "Wenn wir zu sehr drängen, erhalten wir Absagen", argwöhnt er. Und die sind schwer aus der Welt zu schaffen."

Auch bei Meinolf Sprink, dem Sportbeauftragten des Chemiekonzerns Bayer AG, heißt es Abwarten. Sprink, dessen Firma, "den Profisport mal ausgeklammert", etwa 15 Millionen Euro in Breiten- und olympischen Sport steckt, möchte erst einmal sehen, "dass sich das System gesetzt hat. Dann wird man über die Idee der Förderung eventuell neu reden können." Wie die meisten Sportsponsoren verlässt sich Bayer auf Vertragsklauseln, die im Dopingfall eine fristlose Kündigung erlauben: "Wenn du in irgendeiner Form erwischt wirst, wirst du geschasst", formuliert Sprink die Philosophie.

Genau so hat es Adidas mit Jan Ullrich gemacht. Kaum hatte der Bund Deutscher Radfahrer Ullrich gesperrt, kündigte Adidas den Werbevertrag. Unternehmenssprecher Runau: "Der Kampf für sauberen Sport gehört zum Image des Konzerns."

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