Werner Böck, 59, ist Chef der Marc O'Polo AG
Entdecker deutscher Schlichtheit

Diese Markentreue ist selten. "Ich trage immer Kleidung von Marc O?Polo", sagt der Herr mit den grau melierten Haaren wie selbstverständlich. Auch heute? "Ja, sicher. Die graubeige Cordjacke, das hellblaue Hemd und die Blue Jeans, aber", er stockt und schaut an sich herunter, "die Stiefel nicht."

STEPHANSKIRCHEN. Der sicherlich treueste Kunde von Marc O?Polo entspricht überhaupt nicht dem Bild, das die Männer in den Hochglanzbroschüren der Modemarke vermitteln. Die sind höchstens Anfang 20, tragen längere, vom Wind zersauste Haare und einen Dreitagebart. Werner Böck ist mit 59 Jahren fast dreimal so alt, hat eine Halbglatze und ist glatt rasiert.

"Ich möchte zeigen, dass man unsere Kleidung altersunabhängig tragen kann", erläutert er sein Outfit im Kollektionsraum der Firmenzentrale der Marc O?Polo AG, eingerahmt von Kleiderständern mit dezent-farbigen Pullovern, Jacken und Hemden.

Ob es an seiner körpernahen Eigenwerbung liegt - das Geschäft des Vorstandschefs und Hauptaktionärs der Firma aus dem bayerischen Stephanskirchen bei Rosenheim läuft gut, seit Jahren. Obwohl die Textilbranche ein Minus macht, legt er noch einmal "zwei bis drei Prozent" oben drauf auf den Markenumsatz zu Einzelhandelspreisen, den er mit 350 Millionen Euro angibt. Die Finanzlage sei "sehr solide", die Eigenkapitalquote liege über 60 Prozent.

Was macht Böck anders? Vielleicht liegt es daran, dass der kleine, drahtige Mann, der sich im Gespräch immer wieder mal voller Tatendrang die Hände knetet, nicht nur Verkäufer ist. Er verkörpert die Marke und ihre Philosophie. Wenn er sein Hemd locker über der Hose trägt, wirkt das nicht peinlich. Man nimmt ihm den dezent-lässigen Stil ab, einen Mix aus Schlichtheit, natürlichen Materialien und gehobener Qualität.

Böck kann sich den Trends nicht entziehen. Aber der Entdecker (Marco Polo!) der deutschen Schlichtheit versucht, seiner puristischen Linie treu zu bleiben: "Charakter kann man auf Dauer nur durch Weglassen zeigen."

Marc O?Polo und Böck - das war wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. "Als ich 1967 die ersten Hemden und Blusen auf einer Messe in Köln sah, war ich vom Bauchgefühl her sofort von der Produktinnovation und der Marke überzeugt", erzählt er.

Der Start war schwierig: Er musste die junge Marke in Deutschland bekannt machen und mit knitternden Baumwoll-Textilien gegen moderne, glatte Kunstfasern antreten. Mit Sweatshirts, auf denen groß der Markenname prangte, gelang ihm der Durchbruch bei den Teenies. Auch im Konzern hat er sich durchgesetzt. Seit ein paar Jahren ist er Großaktionär von Marc O?Polo und hat die Zentrale von Stockholm nach Bayern verlegt.

Geprägt hat ihn die Erfahrung in der Hutmacherei der Eltern, wo er "das Gefühl für textile Materialien" bekommt. Später, in seiner wilden Londoner Zeit, als er schulterlange Haare trägt, erlebt er, wie wichtig es ist, auf Trends zu reagieren.

Vielleicht ist er deshalb ein Pragmatiker, der wenig von langen Sitzungen hält und den nur eines interessiert: dass er das Unternehmen immer weiter vorantreibt in Sachen Design, Logistik, Marketing und Produktion. Aber bei Produkten ist er detailversessen. "Da wird schon mal über einen Knopf diskutiert", berichtet ein Vorstandskollege.

Auf Kleinigkeiten achtet er, wenn er wie so oft in einem der 130 Shop-in-Store-, 80 Franchise- und 20 eigenen Geschäften in ganz Europa auftaucht. Dann streift er mit kritischem Blick durch den Laden und prüft, ob die Ordnung stimmt in den Regalen - eine Ordnung, auf die er auch in seinem puristisch eingerichteten Büro großen Wert legt.

Auch die Atmosphäre ist ihm wichtig, "ob ich da ein gutes Gefühl habe". Wenn ihn etwas stört, spricht der Emotionsmensch, der sich aber durchaus für das sekundengenaue Abrufen aller Geschäftszahlen begeistern kann, schon mal eine Verkäuferin direkt an. Ohnehin redet er, leicht bayerisch gefärbt, nicht lange um den heißen Brei herum. Er selbst aber sei "manchmal etwas dünnhäutig", verrät ein Geschäftspartner.

Doch bei aller Arbeit achtet er darauf, dass sein Familienleben nicht zu kurz kommt. Mehrere Wochen pro Jahr verbringt er mit seiner jüngeren Frau und seinen beiden elf und 14 Jahre alten Söhnen im Ferienhaus in der Toskana.

Wie lange will er noch Vorstandschef bleiben? Genaue Pläne gibt es noch nicht. "Auf jeden Fall aber noch zwei bis drei Jahre." Dann wechselt er wohl in den Aufsichtsrat - und erfüllt sich einen Traum. Er will ein großes Grundstück kaufen, Ateliers bauen und so eine Plattform für Künstler schaffen.

Aber eines dürfte sich kaum ändern: Werner Böck wird weiter Kleidung von Marc O?Polo tragen.

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