Westerwelle und Möllemann
Kommentar: Ultimatum

Entweder er oder ich: Eigentlich war es ja der Kanzler, der den Wahlkampf während der letzten gut 100 Tage auf diese kurze, prägnante Formel verkürzen wollte. Aus der Not heraus. Und es waren die Liberalen, die von dem großen Showdown zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber am Ende zu profitieren hofften. Dass nun alles ganz anders kommt, das der Zweikampf zwischen Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann in den eigenen Reihen der Liberalen stattfindet - wer hätte dies noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten?

Viel zu spät hat nun Guido Westerwelle unter dem Druck der Ereignisse der letzten Tage die Notbremse gezogen und die Flucht nach vorne angetreten. Das zeigt, wie ernst die Situation für die Liberalen in den letzten Tagen geworden ist. Was anfing als Karsli-Affäre, überging in die leidige Auseinandersetzung zwischen Möllemann, Friedman und dem Zentralrat der Juden, ist spätestens seit Beginn dieser Woche zu einer ausgewachsenen Machtfrage innerhalb der FDP geworden.

Zu lange hat sich Guido Westerwelle als Parteivorsitzender dabei von seinem eigenen Stellvertreter - unverfroren und unverbesserlich wie eh und je - wie ein Tanzbär in der Zirkusarena vorführen lassen. Klaus Kinkel und Wolfgang Gerhard hat der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende auf diese Art aus dem Amt gemobbt. Nun sollte es in den Augen Möllemanns, der sich schon immer für den eigentlichen Spiritus Rector der Liberalen hält, auch Guido Westerwelle werden.

Das aber kann ein Vorsitzender, der zudem als Kanzlerkandidat seiner Partei zusätzlich Führungsstärke beweisen muss und mehr als ehrgeizige Ziele für die eigene Partei hat, nicht mit sich machen lassen. Sollte Möllemann deshalb den Zweikampf am Ende politisch nicht überstehen - ausgeschlossen ist dies nicht -, dann würde er ironischerweise das erste Opfer seiner eigenen Strategie werden. Und mit ihm sein eigener Landesverband, der bis zuletzt in geradezu unverantwortlicher Weise die Eskapaden seines Vorsitzenden mittrug.

Guido Westerwelles Flucht nach vorn kommt dabei vielleicht sehr spät. Aber womöglich noch nicht ganz zu spät. Noch haben die Liberalen gut 100 Tage Zeit, um sich aus der selbst gestellten Führungsfalle zu befreien. Dass Rot-Grün, denen dies alles derzeit wie ein unverdientes Wahlkampfgeschenk in den offenen Schoß fällt, dabei ihr eigenes Glück nicht fassen können, mag noch die geringste Sorge Westerwelles sein.

Viel mehr muss ihn beschäftigen, den Kurs seiner eigenen Partei nach innen, aber vor allem auch nach außen klar und eindeutig festzuklopfen. Je wahrscheinlicher eine christlich-liberale Koalition nach dem 22. September wird, umso mehr muss man von einer FDP, die ernst genommen werden will, verlangen, dass sie sich auf dem Wahlkampflaufsteg der nächsten Wochen nicht darauf beschränkt, durch inszenierte Tabubrüche sektiererische Randzonen in dieser Gesellschaft zu bedienen. Wer glaubt, auf diese Art Wahlkampf führen zu können, fügt dieser Gesellschaft insgesamt, aber vor allem auch der eigenen Partei Schaden zu. Jürgen Möllemann hat dies getan. Er sollte die notwendigen Konsequenzen ziehen.

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