WestLB finanziert Neubau
Abschied von einem Heiligtum

Als ob die Fußball-Hassliebe nicht schon genug Tränen, Blut und Schweiß gesehen hätte: Jetzt reißen die Deutschen mit dem Wembley-Stadion auch noch das Allerheiligste des englischen Fußballs ab.

LONDON. Die riesige Stahlzange bricht krachend in die Stadiontribüne - der Anfang vom Ende des weltberühmten Fußball-Tempels Wembley. Der Abrissbagger reißt Stahl, Beton und Holz in Fetzen, löst sich aus dem Schutt und schnappt nach der nächsten Wand. Ein gewaltiges Stück der Fassade donnert zu Boden. Nach 80 Jahren verliert die Fußballwelt endgültig ihre geschichtsträchtigste Bühne. Sie soll ersetzt werden durch ein neues Super-Stadion mit 90 000 Sitzplätzen. Eine 133 Meter hohe futuristische Stahlbogenkonstruktion wird die Arena überragen. Mit 757 Millionen Pfund Baukosten entsteht in drei Jahren das teuerste Stadion der Welt - 1996 hat man noch mit umgerechnet 450 Millionen Euro kalkuliert.

Unter die Trauer der vielen Schaulustigen mischt sich aber auch Vorfreude auf das neue Stadion. Der Fahrer des 30-Tonnen-Bulldozer ist nach getaner Arbeit von einem Mikrofonwald umzingelt. "Wir brauchen die neue Arena. Aber dieser Abriss geht schon ziemlich an die Nerven", sagt Gabriel Ford. Er sei übrigens Fan von Arsenal London. Arsenal aber plant wenige Kilometer weiter einen eigenen Fußballpalast.

In Wembley wird weiterhin kein Londoner Fußballklub seine Heimspiele austragen. Bleiben nur die unregelmäßigen Auftritte der Nationalmannschaft. Aber auch in Kombination mit Windhundrennen und Leichtathletik werden sie den Prunkbau kaum auslasten können. Doch in London sind tollkühne Bauprojekte nichts Ungewöhnliches. Mit der Veranstaltungshalle Millenium Dome besitzt die Weltstadt bereits ein skandalumwittertes Milliardengrab, das eigens für die Feierlichkeiten zur Jahrtausendwende errichtet wurde. Die künftige Nutzung liegt noch vollkommen im Dunkeln.

Jetzt kommt das "New Wembley". Und schon packt viele Engländer die Wehmut. Der 80-jährige Bert Banfield lebt seit 1927 in der Nähe des Wembley-Stadions und erinnert sich an den Lärm der Massen, wenn im Stadion gespielt wurde. Er trauert der alten Arena nach: "Es ist ein harter Abschied. Ich hoffe, ich lebe noch, wenn der Neubau fertig ist." Gespannt sei er, ob die Atmosphäre erhalten bleibe. Spiele gegen Deutschland seien natürlich immer etwas ganz Spezielles.

Dass ausgerechnet ein deutscher Bagger die Kultstätte des englischen Sports in Trümmer schlägt, reißt alte Wunden auf. Die eilig übers Heck gespannte St. George-Fahne mit rotem Kreuz auf weißem Grund lindert den Schmerz nur wenig. Zu oft haben Englands stolze Nationalkicker gegen Deutschland bitter verloren - kein anderes Team hat in den vergangenen 30 Jahren den heiligen Rasen in Wembley so oft entweiht wie deutsche Mannschaften, etwa im Halbfinale der EM 1996. Damals versenkte Andreas Möller im Elfmeterschießen nach dramatischem Spiel den entscheidenden Ball im Netz und stolzierte wie ein Pfau vor den schäumenden englischen Fans umher. Vom "Ende der Welt" war auf der Insel zu lesen. Oder Dietmar Hamanns Freistoß vor zwei Jahren bei der 0:1-Niederlage während der WM-Qualifikation. Pikanterweise das letzte Spiel in Wembley. Dort hat England aber auch seinen größten Triumph gefeiert - die WM 1966 durch das "Wembley-Tor". Gegen Deutschland.

Das Boulevard-Blatt "The Sun" poltert angesichts des kreisenden Baggers: "Deutsche demolieren Wembley". Damit nicht genug, die Westdeutsche Landesbank ist mit einem Kredit in Höhe von 433 Millionen Pfund in das Bauvorhaben eingestiegen. Konkurrent Barclays hatte sich im Bieterverfahren davongemacht, weil bereits im Vorfeld große Summen für Missmanagement verplempert wurden. Bei der WestLB spricht man schlicht von einem "soliden Geschäft".

Einen schlechten Schnitt machte hingegen die Stadioneigentümerin Wembley National Stadium Ltd., eine Tochterfirma des Fußballverbands FA. Die hat sich besonders beim Kauf des Grundstücks über den Rasen ziehen lassen. Sie zahlte 120 Millionen Pfund, das Gelände soll aber nur knapp die Hälfte wert sein. 325 Millionen Pfund kostet der Stadionbau, 50 der Ausbau der Infrastruktur, 23 der Abriss, 40 die Entwicklung, 80 die Finanzierung und 82 Millionen die Gebühren für Banken, Anwälte und vieles mehr. Private Investoren schießen kaum Geld hinzu, dafür ist die öffentliche Hand mit 170 Millionen dabei. Um die Ver(sch)wendung dieser Gelder wird gerade heftig gestritten.

Nur gegen Bares gibt es auch die zerbröselten Überreste des Stadions. Sie sollen als Andenken verkauft werden. Man erwartet, dass die Nachfrage der englischen Fans groß sein wird. Allein schon deshalb, weil der Schutt nicht in deutsche Hände gelangen soll. Es sei ihnen vergönnt - aber das Wembley-Tor war trotzdem keines.

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