Wettbewerb deutscher Rennstrecken nimmt zu
Fahrt ins Ungewisse

In Deutschland entstehen immer neue Rennstrecken. Weil die Zahl der Veranstaltungen aber nicht steigt, drohen die Rundkurse zu Investitionsruinen zu verkommen. Vor allem auch deshalb, weil die Strecken der zweiten Kategorie keine Chance gegen die etablierten Konkurrenten Nürburgring und Hockenheimring haben.

Gustav Schrank wundert sich, dass hier zu Lande immer neue Rennstrecken in die Landschaft gesetzt werden. Das könne sich nicht rechnen, glaubt der Bürgermeister der Stadt Hockenheim: "Die Zahl der Veranstaltungen wächst seit über einem Jahrzehnt nicht mehr." In Schranks Urteil schwingt auch Eigeninteresse mit. Als Vorsitzender des Gesellschafterkreises der Hockenheimring GmbH will er sich lästige Rivalen vom Hals halten.

Neben dem Hockenheimring kämpft der traditionsreiche Nürburgring um Renn-Events und Zuschauer, mit ihm konkurrieren der Sachsenring, der Eurospeedway oder der Motopark in Oschersleben. Jetzt soll auch in Ostwestfalen, in der Nähe von Detmold, ein 300 Hektar großes Areal für einen Rundkurs namens Westfalenring genutzt werden.

Im Gegensatz zu Gustav Schrank sieht Peter Rumpfkeil, Chef des Motoparks Oschersleben, noch Platz für neue Rennstrecken. Denn die schaffen Raum für mehr Events: "Derzeit kann die Zahl der Motorsportveranstaltungen gar nicht steigen, weil die Serien nicht wüssten, wo sie fahren sollten." In der Tat sind Strecken wie Hockenheim und Nürburgring komplett ausgelastet. Das liegt auch daran, dass die Flugplatzrennen und die Berliner Avus aus dem Rennkalender gestrichen sind, kritisiert Rumpfkeil. Überhaupt hält er Deutschland in punkto Rennstrecken für ein Entwicklungsland: "In Spanien oder Frankreich gibt es in jeder Region eine Strecke."

Doch die Zahl der Strecken sagt wenig über deren Qualität aus. Vielmehr dürfte der verschärfte Wettbewerb neue Streckenbetreiber zu einem Ausleseprozess führen. "Es werden nur diejenigen überleben, die die beste Infrastruktur und die längste Tradition haben", glaubt Stefan Roter, Marketingchef der Nürburgring GmbH. Dass er den eigenen Kurs natürlich zu den Überlebenden zählt, überrascht nicht: "Der Nürburgring hat Jahrzehnte gebraucht, ehe er über die heutige Infrastruktur verfügte." Und die ist immerhin gut genug, um die Formel 1 in die Eifel zu locken. Gleiches gilt für den Hockenheimring.

Um Schumacher und Co. zu halten, sind jedoch immer neue Investitionen vonnöten. Modernisierung und Ausbau des Hockenheimrings werden in den kommenden Jahren rund 115 Millionen Mark verschlingen. Damit beugt sich der Hockenheimring dem Diktat von Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone. Der spielt die Streckenbetreiber weltweit gegeneinander aus. Wer nicht spurt, verliert seinen Grand Prix. Das wollten die Hockenheimer nicht riskieren. Als die Vertragsverlängerung anstand, forderte Ecclestone im Sommer 2000 eine verkürzte Rennstrecke sowie mehr Zuschauerränge und Parkplätze. Die Politik beeilte sich mit verbindlichen Zusagen. Schließlich bringt die Formel 1 am Hockenheimring viel Geld in die Region.

Auch wollte das Land Baden-Württemberg sein Image als führendes Autobauerland nicht aufs Spiel setzen. Darum unterstützt es den Umbau des Hockenheimrings mit rund 30 Millionen Mark, rund 10 Millionen Mark steuert die Hockenheimring GmbH bei, an der die Stadt Hockenheim und der Badische Motorsportclub beteiligt sind. Die Stadt gibt ferner ein Darlehen von fünf Millionen Mark. Daimler-Chrysler finanziert den Bau einer eigenen Tribüne mit rund 13 Millionen Mark. Ein neues Fahrsicherheitszentrum des ADAC verschlingt 10 Millionen Mark.

Auch am Nürburgring fließt permanent Geld in Strecke und Tribünen. In den vergangenen Jahren haben die Eifelaner rund 150 Millionen Mark in Baumaßnahmen investiert. Eine neue Boxenanlage hat rund 30 Millionen Mark verschlungen. Jetzt entsteht eine 710 Meter lange Mercedes-Tribüne. Auch die Streckenführung soll sich ändern.

Am Motopark in Oschersleben hängen 74 feste Arbeitsplätze. Er bringt der Region jährlich rund 80 Millionen Mark Umsatz, die Nettowertschöpfung beziffert Motopark-Chef Rumpfkeil auf 10 bis 15 Millionen Mark pro Jahr. Die Strecke selbst fährt pro Jahr etwa 13 Millionen Mark Umsatz ein, das Hotel Motopark rund 4 Millionen Mark. Ein Wirtschaftswunder ist der Park aber nicht: "Wahrscheinlich wird kein Betrieb ausschließlich von ihm leben können, aber er sichert die Existenz", so Rumpfkeil. Gleichzeitig dementiert er Gerüchte über eine angebliche Insolvenz der Rennstrecke. Doch die Lage ist ernst: Hauptinvestor und-gesellschafter Hans-Peter Klein ist nicht länger bereit, die Anlaufkosten des Parks selbst zu tragen. Jetzt soll das Land Sachsen-Anhalt einspringen.

Weiter östlich in Brandenburg drückt ebenfalls der Schuh. So verschlang der Bau des Eurospeedway bei Senftenberg in der Lausitz rund 320 Millionen Mark, von denen 241 Millionen Fördermittel waren. Doch die Formel 1 zeigte den Ossis die kalte Schulter. Der deutsche Grand Prix bleibt bis 2008 in Hockenheim, der Europa-Grand-Prix bis 2004 auf dem Nürburgring. Und Ecclestone hat angekündigt, dass es langfristig keine zwei Rennen in einem Land geben wird. Auch hier droht einer Rennstrecke die ungemütliche Fahrt ins Ungewisse.

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