Wettbewerb in vollem Gang
Microsoft kämpft um Betriebssystem für Handys

Das größte Softwarehaus der Welt will sich in Zeiten eines gesättigten PC-Marktes neue Chancen nicht entgehen lassen.

MÜNCHEN. Steffi Graf trifft den Schneemenschen - und schickt gleich ein Foto übers Handy zu ihrem Mann Andre Agassi nach Las Vegas. Mit solch bunter Werbung wollen die Mobilfunkhersteller und Diensteanbieter im Weihnachtsgeschäft Kunden zum Kauf ihrer neuesten Produkte animieren: Handys, mit denen Fotos gesendet werden können.

Es wird sich im Januar zeigen, ob die Möglichkeit, bunte Bildchen über MMS (Multimedia Messaging Service) zu versenden, die erhoffte Belebung des Mobilfunkmarktes gebracht hat. Doch letztlich ist MMS nur ein marginales Angebot im Vergleich zu den neuen Dienstleistungen, die mit der Ankündigung der dritten MobilfunkGeneration - in Europa auch UMTS (Universal Mobile Telecommunications Systems) genannt - versprochen worden sind.

Doch unabhängig, ob, wann und in welchem Umfang UMTS von den verschiedenen Telefongesellschaften in Deutschland angeboten wird - neue, leistungsstarke Handys sind gefragt, die Daten so rasch verarbeiten können wie Sprache.

Somit wandeln sich Mobiltelefone zum Mini-PC. Und die benötigen natürlich ein Betriebssystem. Und das wiederum bringt Microsoft auf den Plan. Das größte Softwarehaus der Welt kann sich in Zeiten eines gesättigten PC-Marktes die Chance nicht entgehen lassen, hier neue Einkommensquellen zu erschließen.

Im Frühjahr hatte Microsoft auf dem Mobilfunkkongress in Cannes die jüngsten Prototypen jener auch Smartphones genannten Handys vorgestellt. Der Konzern rüstete sie mit einem Windows-System unter dem Kodenamen "Stinger" (Stachel) aus. Die offizielle Bezeichnung der Stinger-Software ist inzwischen "MS Smartphone". Damit fordern Bill Gates und seine Entwickler vor allem Handy-Marktführer Nokia heraus.

Von dem wachsenden Angebot von datenfähigen Handys und kommunikationsfähigen Organizern angeregt, hat der finnische Mobilfunkspezialist mit "Series-60" eine Software-Plattform speziell für Smartphones konzipiert. Die Finnen sind wie Microsoft überzeugt, dass das Thema Software bei Handys rasch eine wichtige Rolle spielen wird. Dies gilt vor allem dann, wenn das geplante UMTS-Angebot von den Verbrauchern angenommen werden sollte.

Vor diesem Hintergrund ist der Software-Deal zu verstehen, den Nokia im Juli dieses Jahres mit dem japanischen Hersteller Matsushita Communications Industrial (Marke: Panasonic) und etwas früher mit der deutschen Siemens AG geschlossen hat. Mit der Lizenzierung seiner Software Serie 60 an mögliche Rivalen wollen die Finnen verhindern, dass Microsofts "Stachel" auch wirklich sticht.

Als Entwicklungskern der Symbian-Software, die Nokia mit anderen Partnern als Standard für mobile Betriebssysteme etablieren will, hatte ursprünglich das Betriebssystem Epoc des britischen Organizer-Anbieters Psion gedient. Auch Sun Microsystems mit seiner Java-Software muss zu diesem Lager gerechnet werden. Theoretisch kommt auch das Betriebssystem Palm OS als Systemplattform für Smartphones in Frage.

Nokias Software Serie 60 basiert auf Software-Spezifikationen, die von dem Symbian-Konsortium erarbeitet worden sind. In diesem arbeiten neben Nokia in erster Linie die Konzerne Matsushita, Sony-Ericsson, Motorola, Sun Microsystems, Psion und Siemens.

Nokia bietet bereits zwei Produkte mit diesem Betriebssystem an: den bekannten Communicator 9210 und das Imaging-Phone 7650. Mit dem Modell 3650 soll im März ein weiteres Gerät der Serie folgen, das Bilder verarbeiten kann.

Doch auch das erste Handy mit dem Betriebssystem von Microsoft ist auf den Markt. Ende Oktober überraschte der Software-Riese die Branche, als er in London gemeinsam mit dem Mobilfunkanbieter Orange ein neues Multimedia-Handy vorstellte, auf dem das Betriebssystem Windows läuft. Die ersten mit großem Farbbildschirm, Video-, E-Mail- und Kameraanschluss ausgestatteten Handys sind seit Mitte November in Großbritannien im Handel. Als Einführungspreis wurden 179 Pfund (rund 283 Euro) genannt. Das vom taiwanesischen Auftragshersteller HTC entworfene und gefertigte Handy "Orange SPV" (Sound, Picture and Video) wäre damit deutlich billiger als ähnliche von Nokia und Sony-Ericsson geplante Geräte. In den USA kooperieren die Telefonfirmen Sprint und Verizon mit Microsoft. Dabei geht es vor allem darum, dass Mitarbeiter eines Unternehmens per Handy auf Informationen aus dem Firmennetz zugreifen können.

Weniger glücklich verlief eine weitere Kooperation in Großbritannien. Der auf dem europäischen Kontinent wenig bekannte britische Handy-Hersteller Sendo wechselte im Herbst wenige Tage vor der Markteinführung seines ersten Windows-Handys ins Lager von Symbian/Series 60. In Deutschland ist derzeit noch kein Anbieter für Mobilfunktelefone in Sicht, die mit der Software von Microsoft arbeiten.

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