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Wettbewerb um die Köpfe der Bürger

Ingrid Zoll erklärt, warum die Gesellschaft dem Markt misstraut und damit Wohlstand verschenkt

OLAF  KÖLN

HANDELSBLATT, 30.7.2003

 

Über vieles mögen Ökonomen streiten, über das Prinzip des Wettbewerbs tun sie es nicht: Konsumenten profitieren vom größeren Angebot und von besseren Preisen. Produzenten werden zu technischem Fortschritt und Arbeitsteilung angetrieben. So steigert der Markt, eingebettet ins richtige Regelwerk, den Wohlstand.

Dem Charme dieser schönen Wirkungskräfte kann sich kein Theoretiker entziehen. Die Praktiker dagegen schon: In der Bevölkerung gehört simplifizierte Kapitalismuskritik zum guten Ton. Reformen zur Entfesselung von Marktkräften werden nicht nur zögerlich umgesetzt - sie finden auch wenig Anklang.

Der Befund, den die Freiburger Volkswirtin Ingrid Zoll an den Anfang ihrer Dissertation stellt, ist so offensichtlich wie ernüchternd: Zwischen Sachverstand und Bürgermeinung über das Prinzip des Wettbewerbs klafft eine große Lücke. Eine schier unermessliche Quelle des Wohlstands liegt so nah - und doch bleibt sie systematisch ungenutzt.

Die Ursachen dieses Phänomens analysiert Zoll zunächst mittels geläufiger Erklärungsstränge der Public-Choice-Theorie. In der Ablehnung der Marktprinzipien offenbart sich danach vor allem ein Interessengruppenproblem: Die protektionistischen Interessen einer überschaubaren Gruppe von Produzenten lassen sich im politischen Prozess leichter organisieren als das Interesse einer anonymen Konsumenten-Masse an Vielfalt und günstigen Preisen.

Dieser prinzipielle Funktionsmangel des politischen Entscheidungsverfahrens, den Mancur Olson in den 60er-Jahren erkannt hat, reicht Zoll zur Erklärung freilich nicht aus. Sie konstatiert zudem ein weithin verbreitetes Wissensdefizit, gepaart mit einem fehlerhaften Theorieverständnis. Die Bevölkerung, so belegt Zoll anhand von Befragungen, weiß nur sehr wenig über Wettbewerbstheorie, oft sind die Aussagen sogar widersprüchlich. Schon Anthony Downs wusste: Der politische Bürger pflegt seine "rationale Unwissenheit".

Zoll ergänzt das Erklärungsspektrum der Demokratietheorie um neuere Ansätze der Psychologie. Sie erklären, wie der menschliche Geist Knappheitsprobleme löst, wenn er an "kognitive Grenzen" gelangt: Wer wenig weiß und kaum Gelegenheit hat, sein Wissen durch praktische Erfahrung zu erweitern, der hält sich eben an das, was ihm als Mehrheitsmeinung präsentiert wird. Die Wissenschaft spricht von den "sozialen Beweisen", wie sie zum Beispiel das Fernsehen liefert.

Das Problem ist nur, dass die Massenmedien wiederum einer eigenen Logik gehorchen. Diese mag wettbewerblich geprägt sein, dient damit aber noch lange nicht maximalem Erkenntnisgewinn. Denn im Wettbewerb um die begrenzte Aufmerksamkeit des Publikums berichten Medien verständlicherweise bevorzugt, was auf Interesse stößt und daher - siehe oben - die "kognitiven Grenzen" nicht sprengt.

Das erklärt dann, dass gerade politische Berichterstattung vor allem Unterhaltungsbedürfnissen dient. Jedenfalls machen auch die anerkanntesten Kriterien der Nachrichtenauswahl aus der Fernsehgemeinde noch keinen hellsichtigen Souverän. Oder, wie Zoll es formuliert: "Die nüchterne und argumentative Suche nach der besten, weil problemadäquaten Lösung für ein kollektives Problem widerspricht der Medienlogik, die in der Regel schnelle, sofort wirksame, leicht verständliche Maßnahmen bevorzugt."

Schließlich stehen auch die Politiker im Wettbewerb: Um Wählerstimmen zu maximieren, bedienen sie sich der Aufmerksamkeitsmaschinerie der Medien. Und da kommt ihnen der relativ ignorante Bürger gerade recht, wird er sich doch viel eher überzeugen lassen als Doktor Allwissend. Das erklärt, warum politische Kommunikation so sehr auf den öffentlichkeitswirksamen Auftritt zugeschnitten wird. Und dabei, so Zolls Analyse, gerät politisches Handeln wiederum unter den Einfluss der bereits durch den Medien-Wettbewerb verzerrten öffentlichen Meinung.

So wird das befremdliche, aber durchaus nicht fremd anmutende Ergebnis plausibel: Politiker inszenieren "Pseudo-Events", und am Ende steht als "Politiksurrogat" die reine Kommunikation "symbolischer Politik". Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand werden zwar verwendet, tatsächlich gehandelt wird jedoch nicht mehr. Gäbe es da nicht ein Erfahrungswissen, demzufolge Demokratie und Marktwirtschaft trotz allem nicht die schlechteste Kombination sind - man möchte nach solch einer Analyse glatt nach dem wohlmeinenden Diktator rufen.

Zoll bietet aber noch andere Hoffnungsschimmer an. Zum einen, so ihr Befund, wächst das Verständnis ökonomischer Zusammenhänge mit einer Stärkung von Elementen direkter Demokratie, wie sie in der Schweiz eine lange Tradition haben. Die Hoffnung: Während das Wahlvolk bei der Entscheidung über Parteien nur schwammige Programm- Pakete in Auftrag geben kann, wird der Stimmbürger unmittelbar mit konkreten Sachfragen betraut. Das macht nicht nur Information wertvoller, sondern auch die Kosten von Entscheidungen transparenter. Zum anderen wünscht sich Zoll eine Stärkung wirtschaftspolitischer Think Tanks. In der Tat gilt ja die wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung in Deutschland, die stark auf öffentlicher Finanzierung und Ehrenamtlichkeit beruht, im Vergleich mit den USA als recht kümmerlich.

Beide Folgerungen sind durchaus sympathisch. Bleibt dennoch die Frage, wie sie sich umsetzen lassen, wenn die gesellschaftliche Willensbildung nach den zuvor skizzierten Mustern funktioniert. Immerhin: Die Auseinandersetzung mit Zolls Analyse ist kein schlechter Anfang.

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