Wettbewerbshüter ermitteln wegen Preisabsprachen bei Spezialgrafiten
SGL Carbon droht weitere EU-Kartellstrafe

Für den Grafithersteller SGL Carbon ist das Kartellverfahren der EU noch nicht ausgestanden: Die Kommission hat weitere Verstöße aufgedeckt und plant neue Bußgelder gegen die beteiligten Konzerne.

BRÜSSEL. Der Grafithersteller SGL Carbon hat erneut Ärger mit den EU-Kartellwächtern: Wettbewerbskommissar Mario Monti werfe dem Wiesbadener Unternehmen sowie sieben anderen Konzernen Preisabsprachen im Bereich Spezialgrafite vor, erfuhr das Handelsblatt aus Anwaltskreisen in Brüssel. Monti werde voraussichtlich noch vor Jahresende eine Geldbuße in dreistelliger Millionenhöhe gegen das Kartell verhängen. An dem Kartell beteiligt seien auch das US-Unternehmen Ucar sowie japanische Hersteller.

"Für SGL Carbon wird diese Angelegenheit noch einmal sehr teuer", hieß es in den Kreisen. Monti hatte im Juli vergangenen Jahres schon einmal eine Strafe von 80,2 Mill. Euro gegen SGL Carbon verhängt. Damals ging es um unerlaubte Preisabsprachen und die Aufteilung von Marktanteilen bei Grafitelektroden, die bei der Stahlerzeugung eingesetzt werden.

Im Zuge der damaligen Untersuchung habe Monti ein zweites Kartell entdeckt, und zwar für Spezialgrafite, die für die Werkzeugherstellung in der Metallindustrie benötigt werden (so genannte EDM-Grafite). Wie aus den Anwaltskreisen weiter verlautete, seien in dem neuen Fall alle beteiligten Unternehmen bei der EU-Kommission als Kronzeuge aufgetreten, hätten also freiwillig Details der Preisabsprache verraten. Davon erhoffen sie sich einen Teilerlass des Bußgeldes.

Ein Sprecher von SGL Carbon bestätigte gestern, dass die EU im Rahmen des bekannten ersten Verfahrens weiter ermittele. Allerdings wollte er nicht kommentieren, ob SGL Carbon nach Abschluss dieser Untersuchung mit einem weiteren Bußgeld der Kartellbehörde rechne.

In dem ersten Kartellverfahren vom Juli 2001 hatte sich die Gesamtsumme der Bußgelder auf 220 Mill. Euro belaufen. Die EU-Wettbewerbshüter sahen es im Juli vorigen Jahres als erwiesen an, dass SGL und Ucar in den 90er Jahren als Initiatoren bei Preisabsprachen aufgetreten waren. SGL wurde dabei mit 80,2 Mill. Euro am stärksten bestraft, während Ucar mit 50,4 Mill. Euro glimpflicher davonkamen.

Gegen das Bußgeld der EU-Kommission hat SGL Klage vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht. Das Unternehmen wirft der EU Verfahrensfehler vor, zudem liege eine unzulässige Doppelbestrafung vor dem Hintergrund des zuvor bereits in den USA behandelten Kartellverfahrens vor. Nach Angaben von SGL ist das Verfahren vor dem Europäischen Gericht noch anhängig, eine Entscheidung sei frühestens in einem Jahr zu erwarten.

Eine neuerliches, hohes Bußgeld würde SGL Carbon auf dem Weg zu mehr Profitabilität und besserer Finanzlage zurückwerfen. Der Wiesbadener Konzern steht von Seiten der Investoren wegen seiner hohen Schulden unter Druck. Allerdings gelang es dem Management um Vorstandschef Robert Koehler im ersten Halbjahr, die Last der Verbindlichkeiten um 71 Mill. Euro auf 456 Mill. Euro zu senken, was Analysten positiv bewerteten. Zudem war es dem Konzern zwischen Januar und Juli gelungen, den Nettoverlust deutlich zu verringern. Er lag bei 11,5 Mill. Euro gegenüber 36,4 Mill. Euro im Vorjahreszeitraum.

Mögliche neue Bußgelder könnten auch die Talfahrt der SGL-Aktie beschleunigen. Gestern fiel der Kurs zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit dem Börsengang des Konzerns, kletterte später aber wieder, so dass die Aktie gegen Abend unverändert bei 11,30 Euro notierte. Damit liegt sie rund 60 % unter dem Anfang Januar erzielten Höchststand in diesem Jahr.

Quelle: Handelsblatt

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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