Wettbewerbskommissar der EU
Mario Monti: Die graue Eminenz

So sieht ein Mann aus, der um keinen Preis auffallen will. Mario Monti ist von Kopf bis Fuß auf Grau eingestellt: silbergraue Schläfen, mausgraue Kravatte, stahlgrauer Anzug.

HB BRÜSSEL. Noch farbloser wirkt der Norditaliener, wenn er den Mund aufmacht. Gern liest Monti mit monotoner Stimme vom Blatt ab, oft formuliert er im umständlichen Eurokraten-Jargon, und seine Fassung verliert er nie. "Dass der Monti mit der Faust auf den Tisch haut, hat hier noch keiner erlebt", sagt ein enger Mitarbeiter.

Mit seinem steten Gleichmut verblüfft Mario Monti seine Umgebung. Schließlich hat der EU-Wettbewerbskommissar einen nervenaufreibenden Job. In seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit untersagte er acht Fusionen und verhängte mehrere Geldstrafen in jeweils dreistelliger Millionenhöhe gegen Kartellsünder.

Wer so viel Macht ausübt, gerät selbst immer wieder ins Visier der Mächtigen dieser Welt. US-Präsident George W. Bush persönlich attackierte Monti, als er voriges Jahr die Fusion der US-Konzerne Honeywell und General Electric (GE) verbot. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac beschwerte sich bei EU-Kommissionschef Romano Prodi, als Monti Anfang dieses Jahres den Zusammenschluss der Elektrikunternehmen Schneider und Legrand verhinderte. Bundeskanzler Gerhard Schröder will den Italiener jetzt sogar zum Rapport nach Berlin zitieren. Der VW-Kanzler ist erzürnt, weil der EU-Kommissar den Autohandel in Europa liberalisieren will.

Die aggressive Arroganz von Spitzenpolitikern und Topmanagern nimmt der 59-Jährige scheinbar ungerührt hin. Wenn Monti überhaupt Gefühle erkennen lässt, dann versteckt er sie hinter eisigem Sarkasmus. Den bekam zum Beispiel der frühere GE-Chef Jack Welch zu spüren. "Welch ist nicht nur eine Ikone für Amerika, sondern für die ganze Welt", bemerkte Monti - eine Replik auf das selbstherrliche Auftreten des Amerikaners in Brüssel.

Zu derart bissigen Kommentaren über seine Kunden lässt sich der oberste EU-Wettbewerbshüter normalerweise nicht hinreißen. Die vielen Konzernbosse, die sich in Montis Büro in der Brüsseler Rue Joseph II die Klinke in die Hand geben, können sich auf seine Diskretion verlassen. Publicity kann der für einen Italiener recht uneitle Monti nicht ausstehen. Zeitungsinterviews gibt er nur selten, auch im Fernsehen lässt er sich kaum blicken.

Seine steife Zurückhaltung hat ihm den Ruf des Langeweilers eingebracht, doch das stört weder ihn noch seine 520 Mitarbeiter. Täglich diskutiert Monti mit seinen Fachleuten stundenlang die gerade anliegenden Fusionskontrollverfahren und Beihilfefälle. Sogar am Wochenende wurde er schon beim Aktenstudium gesichtet - in der Sommersonne auf seiner Terrasse im Brüsseler Stadtteil Ixelles.

Diese Gewissenhaftigkeit paart sich mit einem ausgeprägten ökonomischen Sachverstand. Monti kommt anders als die große Mehrheit der EU-Kommissare nicht aus der Politik, sondern aus der Wissenschaft. An den Universitäten von Turin und Mailand lehrte er Volkswirtschaft. 1994 wechselte er nach Brüssel, wo er sich zunächst um den Binnenmarkt kümmerte, 1999 rückte er an die Spitze der EU-Wettbewerbsdirektion.

Gerade wegen seiner Professorenkarriere ist Monti vielen Regierungschefs suspekt. Kanzler Schröder etwa hält den Kommissar für allzu unpolitisch. "Der bastelt auf der Basis von neoliberalen Lehrbüchern in Brüssel herum", tönt es aus der Berliner Regierungszentrale. Monti, so der Vorwurf aus Deutschland, mangele es an "Sensibilität für die konkreten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den Mitgliedstaaten".

Mit dieser Kritik schießt der Kanzler über das Ziel hinaus. Monti macht immer mal wieder Kompromisse mit den Deutschen, wenn es um heikle Themen geht. Im langjährigen Konflikt um die Buchpreisbindung ruderte der Kommissar am Ende zurück. Auch bei den umstrittenen Subventionen für ostdeutsche Industrieansiedlungen zeigte er sich gesprächsbereit.

Doch gängeln kann der Kanzler den Kommissar nicht. Schröders Einwände gegen die Liberalisierung des Autohandels wird sich Monti geduldig anhören. Doch am Ende wird der unscheinbare Professor den Wettbewerb im Kfz-Geschäft trotzdem erzwingen - höflich und gleichmütig wie immer.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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