Wettbewerbsvorteile durch Emissionshandel sichern
Früheinsteiger senken die Risiken

Rechtzeitige Vorbereitung: Bereits heute können Unternehmen feststellen, ob sie beim Emissionshandel als Käufer oder Verkäufer auftreten und testweise auf dem internationalen Markt mit preiswerten CO2-Rechten handeln.

BRÜSSEL/DÜSSELDORF. "Wer frühzeitig Erfahrung auf diesem Gebiet sammelt, kann die Risiken reduzieren und beträchtliche wirtschaftliche Chancen realisieren", sagt Sebastian Gallehr, Vorstandschef des branchenübergreifenden europäischen Wirtschaftsverbandes European Business Council for a Sustainable Energy Future (e5). Eine Einschätzung, die auch Jutta Volmer, Chefin der auf Klimaschutz spezialisierten Stuttgarter Beratungsfirma Greenergy Concept GmbH, bestätigt.

"Wichtig für die deutsche Wirtschaft ist, umzudenken und den Emissionshandel nicht als zusätzliche Abgabe, sondern als neues Marktsegment zu sehen, mit dem man Geld verdienen kann", betont Gallehr. Man müsse sich mit den Möglichkeiten vertraut machen, so wie die Briten, Niederländer und Dänen. "Auch wenn diese ihre Kyoto-Ziele womöglich nicht erreichen, sind sie die Gewinner des Emissionshandels, weil sie schon jetzt Erfahrungen sammeln und preiswert Zertifikate kaufen."

Anfang 2004 sollen die Regierungen in Berlin und den anderen EU-Hauptstädten die organisatorischen Einzelheiten geklärt haben, damit die EU-Richtlinie bis Ende 2004 in nationales Recht umgesetzt werden kann. "Ein ehrgeiziger Zeitplan", heißt es im Umweltministerium. Kernproblem ist, wie die nationale Kyoto-Verpflichtung auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche und Emittenten - Unternehmen, Betriebsstätten und öffentliche Bereiche - heruntergebrochen wird. Der "Allokationsplan" soll Obergrenzen für die Emission von Kohlendioxid erhalten. Die daraus entstehenden Emissionsrechte werden bei der Erstausgabe kostenlos in Zertifikaten verbrieft.

Zudem ist zu klären, welche nationalen oder europäischen Institutionen für Erstausgabe, Kontrolle und Sanktionen zuständig sind, wo die Handelsbörse ihren Sitz hat und wie der internationale Handel von Rechten (Carbon Credits) konkret abläuft. Das alles birgt viel Unwägbarkeiten. "Aber wenn man weiß, wo man steht, hat man die Chance, dass man seine Vorstellungen in die aktuelle Diskussion einbringen kann", erläutert Gallehr.

Denn eins ist klar: Der Emissionshandel belohnt den Klimaschutz. Umweltfreundlich produzierende Unternehmen können den Überschuss der ihnen zugeteilten Verschmutzungsrechte Gewinn bringend an Unternehmen verkaufen, deren Anlagen mehr emittieren als erlaubt. Die Schmutzfinken müssen umgekehrt die noch erforderlichen Rechte zukaufen, in sauberere Anlagen investieren oder Strafe zahlen. "Die beste Vorbereitung ist also, spätestens jetzt seine Energieeffizienz zu steigern", sagt Michael Schroeren, Sprecher von Bundesumweltminister Jürgen Trittin. "Energieeffizienz ist Kosteneffizienz. Das spart nicht nur direkt Geld, sondern man kann obendrein mit dem dadurch möglichen Lizenzverkauf Geld verdienen."

Dringend nötig sei zunächst ein Emissionsinventar, rät Gallehr. Ist man Verkäufer oder Käufer von Emissionsrechten? Wie hoch sind die Emissionen gegenüber 1990? Welche künftigen Emissionsquellen sind zu erwarten? Welche kurzfristigen Optimierungsmöglichkeiten gibt es?

Der vor sieben Jahren gegründete gemeinnützige Unternehmensverband e5 mit Sitz in Brüssel und Darmstadt, der inzwischen 110 Mitglieder hat, hilft bei der Orientierung. Auf Basis eines Fragebogens, den ein Unternehmen ausfüllt, bietet er für 1450 Euro eine individuelle Studie. Sie informiert über die Rechtslage, erstellt ein Emissionsinventar, beantwortet die Kernfragen und macht Vorschläge für strategische Handlungsoptionen. "Wichtig ist, früh ein Carbon-Management-System zu entwickeln, denn insbesondere in großen Unternehmen ist es aufwendig, die dazu nötigen Strukturen aufzubauen", ergänzt Vollmer von Greenergy. Die Erfahrungen von Umweltmanagementsystemen könnten dabei helfen, seien aber wegen der Komplexität des Kyoto-Systems nicht ganz übertragbar.

"Unternehmen sollten überdies schon jetzt mit CO2-Credits handeln", meint Gallehr. Dadurch könne man viel über Ansprechpartner, Vertragsverhandlungen, Glaubwürdigkeit von Vertragspartnern sowie über Qualitäten von Zertifikaten und deren Kyoto-Tauglichkeit lernen. Auch könne man wie bei einer Aktienbörse sein Gefühl für günstige oder schlechte Zeitpunkte von Kauf oder Verkauf schärfen. "Indem man die Rechtsabteilung mit dem Thema beschäftigt und Teams aus der Rechts- und der Umweltabteilung bildet, bereitet man sich gut auf den EU-Handel vor." Damit ließen sich die Hauptrisiken des Emissionshandels senken, nämlich dass Verträge platzen oder nicht angerechnet werden.

"Derzeit birgt der Handel aber kaum ein Risiko, denn eine Tonne CO2-Minderung kostet teilweise nur 1 Dollar", sagt Gallehr ermunternd. Für die kommenden Jahre rechnen Experten mit einer Vervielfachung des Preises. Beim Handel helfen Broker, die als Vermittler auftreten. Nat Source aus London kooperiert bereits mit deutschen Konzernen. Marktführer bei allen Treibhausgasen ist Evolution Markets aus New York. Oder Unternehmen wenden sich an einen Händler wie Greenergy. Dieser berät Unternehmen und Kommunen und kauft und verkauft CO2-Zertifikate je nach Qualität für 5-8 Euro. "Projekte zur Energieeffizienz oder regenerativen Energien haben eine höhere Qualität als Aufforstungen", erläutert Vollmer. Die Agentur versteht sich als Schnittstelle zwischen Unternehmen, Projektentwicklern und Zertifizierern, wie dem TÜV.

"Knackpunkt ist aber, dass es noch nicht sehr viele Projekte gibt, die Aussicht haben, anerkannt zu werden", räumt Vollmer ein. Sie empfiehlt aber, schon zwecks Imagepflege, den "Treibhausgas-Rucksack" von Produkten, Dienstleistungen und Veranstaltungen zu ermitteln und sie über freiwillige Projekte CO2-neutral zu gestalten, selbst wenn diese nicht angerechnet werden sollten.

Der Emissionshandel hat gegenüber Selbstverpflichtungen klare Vorteile. Da letztere branchenweit gelten, müssen Vorreiter in Sachen Energieeffizienz schwarze Schafe mittragen, für die es keine Sanktionen gibt. Das ist beim Emissionshandel anders. "Überdies bietet er eine viel größere Auswahl an Projekten, die noch dazu viel kostengünstiger sind", urteilt Gallehr. Die Verlagerung von Standorten, die unter anderem die Chemiebranche angesichts des Emissionshandels angedroht hatte, bringe nichts. Erstens gebe es nach Inkrafttreten des Kyoto-Vertrages kaum noch seriöse und preiswerte Standorte, wo der Emissionshandel nicht gelte. "Zweitens bekommen die so qualitätsbewussten Deutschen an den verbleibenden Standorten ihre Qualitätssicherung nicht hin", warnt Gallehr.

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