Wetterderivate bieten neue Methoden zur Bewältigung der immensen Witterungsrisiken
Derivate als Versicherung gegen schlechtes Wetter

Weite Teile der Weltwirtschaft sind in irgendeiner Form vom Wetter abhängig. Noch bis vor kurzem vertraten Unternehmen die Auffassung, dass man gegen das Wetter nichts machen könne. Diese Auffassung ist falsch. Wetterderivate bieten eine effiziente Möglichkeit zur Absicherung gegen solche Risiken.

FRANKFURT/M. Bereits der griechischen und römischen Mythologie ist die besondere Bedeutung des Wetters zu entnehmen. Sowohl der oberste Gott der Griechen, Zeus, als auch der höchste römische Gott, Jupiter, galten als Wettergötter; das heißt, sie schickten Blitze oder Donnerschläge, sandten Regen und Stürme. Damals waren Opfergaben das beste Mittel, um die Götter wohl zu stimmen. Was Opfergaben für Griechen und Römer versprachen, könnten so genannte Wetterderivate dem modernen Homo oeconomicus ermöglichen: die Beherrschung der Wetterrisiken.

Für viele Branchen ist der wirtschaftliche Erfolg seit jeher wetterabhängig. Man denke nur an die Landwirtschaft. Global spielt das Wetter für etwa vier Fünftel der Wirtschaftstätigkeit direkt oder indirekt eine Rolle. Gleichwohl fehlten bis vor wenigen Jahren geeignete Finanzprodukte, um den Herausforderungen des Wetters ökonomisch intelligent zu begegnen. Mit dem Aufkommen der Wetterderivate 1997 in den USA unter dem frischen Eindruck des Wetterphänomens "EL Niño" haben sich die Rahmenbedingungen für viele Wirtschaftssektoren und Unternehmen erheblich verbessert. Allerdings bremst der derzeit noch sehr rudimentäre Kenntnisstand um die tatsächliche Wetterabhängigkeit von Branchen die weitere Entwicklung des Marktes.

Wetterderivate sind innovative Finanzprodukte, deren Basisdaten (so genannte "Underlying") Wetterdaten wie Niederschlagsmengen (Regen-, Schneehöhe), Regentage, Sonnenstunden, Lufttemperatur oder Windgeschwindigkeit sind. Die Tatsache, dass die Basisdaten von den Güter- und Finanzmärkten vollkommen unabhängig sind, stellt ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen derivaten Finanzinstrumenten dar.

Das Geschäft einer merklichen Zahl von Branchen ist vom Wetter abhängig oder wird zumindest davon tangiert. In einer Reihe von Fällen sind die Zusammenhänge unmittelbar einleuchtend (z.B. Speiseeis- oder Bierherstellung), in anderen Branchen sind die Abhängigkeiten (u.a. in Fachzweigen des Maschinenbaus, der Automobilindustrie oder des Einzelhandels) dagegen eher indirekt und erst bei genauerer Analyse erkennbar. Eine aktuelle Deutsche-Bank-Studie gibt hier einen breiten Überblick.

Wetterderivate können - abgesehen vom Risikomanagement - auch als Marketinginstrumente von Interesse sein, um sich gegenüber den Wettbewerbern zu differenzieren und zusätzliche Anreize für den Produktverkauf zu schaffen. Denkbar ist z.B. die Rückerstattung eines Teils der Kosten des Urlaubs, wenn dieser buchstäblich ins "Wasser gefallen" ist oder das Wetter zu kalt war.

Der Handel mit Wetterderivaten ist derzeit in Europa und vor allem Deutschland keineswegs vollständig ausgereift. Zur weiteren Markterschließung könnte die fortgesetzte Verbesserung des erforderlichen Know-hows ebenso beitragen wie die weitere Reduktion der Kosten für den Bezug der Wetterdaten sowie die Erweiterung der mancherorts noch unzureichenden Wetterdaten-Verfügbarkeit. Dadurch dürfte die Akzeptanz der potenziellen Marktteilnehmer erhöht und damit letztlich auch die Zahl der Marktakteure gesteigert werden. Dem steht aber entgegen, dass bisher für Wetterderivate noch kein allgemein akzeptiertes Bepreisungsmodell entwickelt werden konnte.

Der Markt für Wetterderivate entwickelt sich nach der Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) in der Triade USA, Asien und Europa seit dem Start 1997 überaus stürmisch. Weltweit nahm die Zahl der Geschäftsabschlüsse im Statistikjahr 2001 (von April 2001 bis März 2002) um 43% auf insgesamt rund 3 940 Wetterderivate zu.

Gemessen am kontraktierten Volumen expandierte der Weltmarkt sogar um gut 70 % auf rund 4,3 Mrd. US-$ Insbesondere der europäische Markt verzeichnete ein geradezu "explosionsartiges Wachstum" und stieg um das Elffache. Die volumenmäßige Verdoppelung in Asien bzw. Steigerung um "nur" 50 % in Nordamerika scheinen dagegen relativ bescheiden zu sein. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass der absolute Zuwachs des Volumens auf dem bereits reiferen Markt in Nordamerika um 1,2 Mrd. $ in 2001 immerhin noch doppelt so groß ist wie das Gesamtvolumen des europäischen Wetterderivatemarktes im gleichen Jahr.

Mittelfristig dürften die Zuwachsraten des Weltmarktes für Wetterderivate im zweistelligen Prozentbereich pro Jahr liegen. Wetterderivate haben sich in vielen Fällen als ein nützliches Instrument zur Bewältigung der exogen durch das Wetter induzierten operativen Geschäftsrisiken erwiesen. Zum Marktwachstum wird dank der positiven Erfahrungen deshalb die stärkere Nutzung von Unternehmen bzw. in Branchen beitragen, die bereits heute die Derivate als Absicherungsinstrument gegen Wetterunregelmäßigkeiten erfolgreich nutzen. Überdies dürften die Instrumente auch zunehmend von Unternehmen bzw. Sektoren benutzt werden, die bisher auf die Absicherung ihres Wetterexposure im Beschaffungs- oder Verkaufsbereich aus Kostengründen oder mangels Kenntnis der vielfältigen Möglichkeiten verzichteten. Zudem steigt die Beliebtheit der Wetterderivate als "Marketinginstrument".

Eine Herausforderung bleibt freilich die erforderliche Integration der Wetterderivate ins Risikomanagement der Unternehmen. Dadurch kann den jeweils unternehmensspezifisch unterschiedlichen Mengen-, Preis- und sonstigen Marktrisiken mittels einer adäquaten Kombination von derivaten Absicherungs- bzw. Hedging-Instrumenten effizient begegnet werden.

Neben dem Selbstinteresse der Unternehmen dürfte auch das steigende Fremdinteresse Dritter zur Expansion des Wetterderivatemarktes beitragen:

Als Treiber dürften sich private und institutionelle Anleger erweisen, die Wetterderivate dank der in der Regel weitgehenden Unabhängigkeit der Wertperformance der Wetterderivate von den traditionellen Güter- und Finanzmärkten als Erweiterung und Bereicherung ihres Aktionsradius begreifen. So können Portfoliomanager mittels einer zielgenauen Übernahme bestimmter Wetterrisiken eine neue und zusätzliche Risikoart in ihre Portfolios einfügen, um per saldo über eine verbesserte Risikodiversifikation eine günstigere Risiko-Rendite-Position zu erzielen. Ferner sind Wetterderivate bei negativer Korrelation als Hedging-Instrument für realwirtschaftliche Risiken einsetzbar.

Auch das Interesse von Versicherungen, Rückversicherern und Banken an Wetterderivaten wird weiter steigen. So dürften die Finanzinstitute künftig zunehmend als Anbieter von Wetterderivaten auftreten. Zudem wird die Versicherungswirtschaft Wetterderivate wohl immer öfter direkt in ihre Verträge integrieren. Überdies werden die Finanzmarktspezialisten bei der Kreditvergabe, dem Rating von Unternehmen und Aktien-Einstufungen in Zukunft größeren Wert auch auf die Absicherung von Wetterrisiken legen.Letztlich wird der Markt auch wachsen, weil neuartige Instrumente kreiert werden und die Bedürfnisse der Marktteilnehmer sich ändern. Tendenziell dürften Mehrjahres-Derivate und Kontrakte mit mehr als nur einer Wettervariablen an Bedeutung gewinnen. So wurden bei Transaktionen zuletzt die Variablen Regen und Temperatur genutzt, um das Wetterrisiko von Schnee nachzubilden.

Wegen der zunehmenden Sensibilisierung für Wetter- bzw. Naturkatastrophen steigt das Interesse an dem verwandten Derivatezweig der Katastrophenanleihen. Und Visionäre diskutieren bereits Weltraumwetterderivate, die z.B. Satelliten oder Raumschiffe vor den (unter anderem durch Sonnenwinde bewirkten) Unregelmäßigkeiten im All schützen sollen. Die Methoden zur Bewältigung der Wetterrisiken haben sich seit der Zeit der alten Griechen und Römer erheblich gewandelt. Gleichwohl bleibt das Wetter- Thema gerade auch aus Sicht der Ökonomie ein faszinierender Analyse-Gegenstand.

Dr. Josef Auer ist im Deutsche Bank Research in Frankfurt tätig.

Quelle: HANDELSBLATT

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