Wetterderivate
Wetten aufs Wetter

Erst Schweinebäuche, dann Strom und jetzt das Wetter: Wetten auf Regen oder Kälte haben sich zu einem Milliardenmarkt entwickelt. Die Derivate gleichen Versicherungen.

Düsseldorf/Zürich. Vierzehnkommanull; 12,1; 10,8; 11,3; 9,1; 10,9 - Maximaltemperaturen in Grad Celsius an den ersten Freitagen und Samstagen im April 2001, gemessen am Londoner Flughafen Heathrow. Vor einem Jahr wären diese Werte für Peter Linacre ein sinnloser Zahlenfriedhof gewesen. In diesem Frühling aber sind sie für den Geschäftsführer der Kneipenkette Massive Limited plötzlich geschäftsrelevant wie der Ausschank von Real Ale in seinen Pubs.

Linacre hat auf schlechtes Wetter gewettet. Bleibt die Temperatur im Sommer oft genug unter einer bestimmten Grenze, kassiert er. So sichert er die extrem wetterabhängigen Einnahmen seines Flaggschiff- Pubs "White Swan" ab. Das 1690 gebaute Gasthaus liegt im feinen Londoner Vorort Twickenham, nur ein schmales Sträßchen und eine Rasenfläche von der Themse entfernt. "Bei gutem Wetter sitzen die Gäste hier freitags und samstags auf dem Bürgersteig, stehen auf der Straße und auf dem Rasen bis hinunter zum Fluss", schwärmt Linacre. Bis zu 400 Menschen bezahlen ihre Pints dann an der Bar. Bei schlechtem Wetter dagegen ist draußen nichts los. Und drinnen ist zwischen traditioneller englischer Holzverkleidung und Rugby-Souvenirs nur Platz für 50 Gäste.

Wetten auf Temperatur und Niederschlag sind der vorläufige Höhepunkt einer Branche, die immer skurrilere Produkte handelt: Devisen und Aktien, Schweinebäuche, Sojaschrot und Strom, das sind Investoren längst gewohnt. Aber das Wetter, die Zahl der Tage mit Temperaturen über 18, 19 oder 20 Grad, ist als Spekulationsobjekt bizarr - vor allem, weil es sich anders als Aktien-, Fleisch- oder Ölpreise langfristig nicht einmal ansatzweise prognostizieren lässt.

Trotzdem: "Das sind keine Pferdewetten", betont Jürg Trüb die Seriosität seiner Branche. Der 39-jährige Trüb leitet das weltweite Geschäft mit Wetterderivaten beim Züricher Rückversicherer Swiss Re. "Investoren mögen keine schwankenden Gewinne", erklärt er die Motivation seiner Kunden. Die Rückversicherer, die das Geschäft gemeinsam mit Energiehandelshäusern und Investmentbanken dominieren, haben über Versicherungen gegen Wetterkatastrophen eine natürliche Verbindung zu der noch jungen Branche. Aber hier geht es nicht um Einmalereignisse wie Orkane, sondern um Durchschnittniederschläge und-temperaturen.

Wetterderivate haben sich in den USA zu einem Geschäft entwickelt, in dem es um Milliarden geht. Zwischen 5 000 und 6 000 Kontrakte seien bislang gezeichnet worden, sagt Jeff Porter, Vorstandsmitglied der amerikanischen Weather Risk Management Association. Gesamtvolumen der Verträge: etwa elf Milliarden Dollar. Energiehandelskonzerne wie Enron stocken ihre Wetterabteilungen bereits drastisch auf. Meteorologen sind in den USA inzwischen so begehrt, dass sie mit Einstiegsgehältern bis zu 90 000 Dollar geködert werden. Der nationale Wetterdienst zahlt seinen Neulingen gerade einmal 33 000.

Vor allem amerikanische Energiekonzerne nutzen Wetterderivate. Sie sichern sich so gegen Einnahmeausfälle durch zu kühle Sommer oder zu warme Winter ab. Kälte im Sommer bedeutet für sie, dass die Kunden ihre Klimaanlagen selten nutzen - Wärme im Winter, dass die Heizungen aus bleiben. Entscheidend ist dabei, ob es kälter oder wärmer als 18,3 Grad Celsius ist. Bei dieser Temperatur springen in vielen US-Haushalten automatisch die Heizungen an.

Für Peter Linacre und den "White Swan" zählen andere Temperaturgrenzen. Für April zahlt die französische Bank Société Générale als Vertragspartner, wenn es an zu wenigen Freitagen und Samstagen wärmer als 14 Grad wird. Im Mai und Juni sind 18 Grad die Grenze, im Juli 20 Grad. Im Maximalfall, also bei Kälte von April bis Juli, kassiert Massive Limited knapp 40 000 Pfund. Ist es warm, verliert die Firma ihren Einsatz. "Aber dann ist der Pub eh voll", sagt Linacre.

In Europa sind solche Wetterwetten noch Raritäten - auch in wetterfühligen Branchen wie der Energieindustrie, der Landwirtschaft, der Getränke- oder der Freizeitindustrie. Szenegrößen wie Jeff Porter betonen zwar gerne "das enorme Potenzial" des Markts. Immer wieder fallen gigantische Zahlen: etwa die jährlich 300 Milliarden Dollar Umsatz, die Studien zufolge allein in Westeuropa von Wettereinflüssen abhängig sein sollen. Aber auch wenn das erste Quartal 2001 wieder Rekordumsätze gebracht hat; verglichen mit dem übrigen Terminhandel ist der Wettermarkt auch in den USA noch klein. Vier Jahre hat es gedauert, bis die bisher elf Milliarden Dollar Kontraktvolumen erreicht waren. Zum Vergleich: An der Chicagoer Börse CME werden jeden Monat Schweine im Wert von etwa 4,5 Milliarden Dollar auf Termin gehandelt.

Die CME ist die bislang einzige Börse, die sich am Handel mit Wetterderivaten versucht hat. Aber "der Umsatz ist gleich null, die Produkte sind nie angenommen worden", erklärt Ethan Kahn, Chef der Chicagoer Firma Castlebridge Weather Markets. Die Kurscharts sprechen für sich: flache Kurven, keine Preisveränderungen, kein Handel.

So traut sich in Europa bislang nur die Londoner Terminbörse Liffe an Wetterderivate heran. Ab August soll dort gehandelt werden. Abgeschreckt durch den Chicagoer Misserfolg, wartet die Konkurrenz in Frankfurt noch ab. Und das Hamburger Startup Tropos-X, das schon im vergangenen Sommer vollmundig eine Wetterbörse angekündigt hatte, kommt nicht vom Fleck.

Das Geschäft wird außerhalb der Börsen gemacht. Bei Jürg Trüb zum Beispiel. Während die CME nur Standardoptionen für 15 US-Städte anbietet, reist der diplomierte Atmosphärenphysiker mit seriösem Anzug, seriöser Brille und seriös gestutztem Vollbart zu Kunden und präsentiert ihnen maßgeschneiderte Pakete aus Optionen und Versicherungen - inklusive an den Standort angepasster Wetteroption.

Für Massive Limited, Peter Linacre und den "White Swan" hat sich dieses Maßschneidern bereits gelohnt. Rasen und Straße vor dem Pub waren bei dem kühlen Aprilwetter zwar nicht überfüllt. Aber Société Générale wird zahlen.

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