Wettkampf der Notlaufsysteme
Ringen um neuen Reifenstandard

Das Reserverad verschwindet aus dem Auto: Reifenhersteller entwickeln Notlaufsysteme, die das fünfte Rad im Wagen ablösen sollen. Die Industrie kämpft um einen Standard. Sie rechnet mit einem Milliardengeschäft.

zel DÜSSELDORF. Die Automobilindustrie macht Druck: Ende dieses Jahrzehnts soll das Reserverad endgültig aus allen Neuwagen verschwunden sein. Die Gewichtsersparnis reduziert den Benzinverbrauch. Außerdem gibt es ohne den lästigen Reservereifen mehr Platz im Wagen. "Der Trend geht hin zu Reserverad-Lösungen mit einheitlichen Noträdern", erläutert Helmut Riedl, Leiter der Fahrwerksentwicklung bei BMW.

Die Reifenhersteller haben auf die Wünsche der Autokonzerne reagiert und arbeiten an Lösungen, die das Reserverad in wenigen Jahren völlig überflüssig machen werden. Die Reifenbranche kann sich auf ein Riesengeschäft freuen. Gaeton Toulemonde, Analyst bei der Deutschen Bank in Paris, rechnet vor, dass die Autohersteller jährlich weltweit für 9 Mrd. Dollar Reserveräder von Michelin, Continental und Co. bestellen.

"In fünf bis zehn Jahren ist das Ersatzrad aus dem Kofferraum verschwunden", verspricht Edouard Michelin, Chef des französischen Reifenkonzerns. Allein kann aber kein Hersteller den Aufwand für Entwicklung und Markteinführung neuer Notlaufsysteme aufbringen. Deshalb haben sich die Konzerne zu Allianzen zusammengeschlossen. Michelin bietet sein "Pax"-System zusammen mit Goodyear, Pirelli und Sumitomo an. Das zweite Bündnis bilden seit kurzem Continental und der japanische Reifenkonzern Bridgestone.

Beide Anbietergruppen hoffen darauf, dass sich letztlich ihr System bei den Automobilherstellern durchsetzen und das Reserverad verdrängen wird. Denn eines steht fest: Künftig wird sich nur ein Standard durchsetzen. "Die Autohersteller werden nicht drei oder vier verschiedene Systeme akzeptieren", sagt Reifenspezialist Toulemonde. Der Aufwand in den Werkstätten wäre viel zu groß.

Michelin meldet erste Anfangserfolge für "Pax". In Frankreich wird Renault dieses Notlaufsystem erstmals serienmäßig beim Minivan "Scénic" anbieten. "Ein Potenzial von 35 000 Autos", erläutert Michelin-Sprecher Thomas Becki. In Deutschland werde "Pax" bereits vom ADAC in einem Dauertest erprobt.

Das französische Unternehmen gibt sich überzeugt, dass die Autohersteller am Ende auf "Pax" zurückgreifen werden. Das System erlaube es den Fahrzeug-Konzernen, einen "neuen konstruktiven Weg im Auto" einzuschlagen, sagt Becki. "Pax" schaffe die Möglichkeit, bessere Bremsen und variable Reifengrößen zu verwenden.

Die Konkurrenten Continental und Bridgestone aber glauben, dass sie gegenüber dem "Pax"-System einen entscheidenden Vorteil besitzen. "Wir brauchen für unser Produkt keine neuen Felgen", erläutert Continental-Sprecher Andreas Meurer. Der Aufwand für die Einführung des in Deutschland und Japan entwickelten Notlaufsystems sei deshalb deutlich geringer.

Continental legt in die heute üblichen Felgen einen Metallring hinein. Von Bridgestone stammt die Idee, die Reifenwände zu verstärken. Beide Verbesserungen machen es möglich, dass neue Reifengenerationen auch ohne Luft noch bis zu 200 km bei Tempo 80 bis zur nächsten Werkstatt rollen können. Dieselbe Distanz schafft auch das Notsystem "Pax" aus Frankreich. Michelin erreicht dies jedoch mit einer völlig neu entwickelten Felge und einem Stützring.

Allein wegen des höheren Marktanteils hat die Gruppe um Michelin die besseren Aussichten, ihr "Pax"-System durchzusetzen: Die vier Hersteller der Allianz kommen weltweit zusammen auf einen Anteil von etwa 45 % am gesamten Reifenmarkt. Continental und Bridgestone erreichen gemeinsam lediglich 27 % Marktanteil. Continental kündigt allerdings an, nach weiteren potenziellen Bündnispartnern Ausschau zu halten. So will der Konzern die Erfolgsaussichten für das eigene Notlaufsystem erhöhen. Arndt Ellinghorst, Automobilanalyst bei der WestLB, sieht trotzdem bei Michelin die besseren Chancen. Das "Pax"-System sei einfach viel fortschrittlicher.

Autofahrer müssen sich darauf einstellen, dass Notlaufsysteme einen Neuwagen verteuern. Beim "Scénic" von Renault kostet "Pax" 300 Euro zusätzlich, bei Continental könnte der Preis für einen neuen Reifen um gut 10 % steigen.

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