WHO: Globale Gefahr
Infektionsalarm mit unbekanntem Erreger

Medizinkrimi um unbekannten Erreger: Nach der Ausbreitung einer lebensgefährlichen Lungenentzündung in Asien hat ein Patient in Frankfurt den ersten Infektionsalarm in Europa ausgelöst. Mehrere europäische Staaten verstärkten am Sonntag Kontrollen und Vorsorgemaßnahmen.

HB/dpa FRANKFURT/M./GENF. Noch war allerdings unklar, ob der 32-jährige Arzt aus Singapur, der seit Samstag auf der Isolierstation der Frankfurter Uniklinik liegt, tatsächlich an der mysteriösen Lungeninfektion leidet. An der Krankheit sollen bereits neun Menschen gestorben sein.

Der Infektionsspezialist hatte in seiner Heimat Anfang März mit zwei Patienten aus Hongkong Kontakt, die an der Krankheit litten. Danach reiste der Arzt nach New York zu einem Kongress. Auf dem Rückflug nach Singapur über Frankfurt bekam er im Flugzeug plötzlich hohes Fieber und Schmerzen.

In Deutschland wurden er und seine Schwiegermutter sofort in die Isolierstation des Universitätskrankenhauses gebracht. 235 Mitreisende kamen vorübergehend in einer Turnhalle in Quarantäne. Der Jumbo-Jet der Fluggesellschaft Singapore Airlines wurde unter Polizeibewachung desinfiziert und flog am Sonntag ohne Passagiere nach Singapur.

Der Zustand des Patienten habe sich verschlechtert, sagte der Leiter der Isolierstation, Hans-Reinhard Brodt, am Sonntag. Der Mann könne jedoch herumgehen und Zeitung lesen. Er werde mit Antibiotika behandelt. Das medizinisches Personal, das Kontakt zu dem Patienten hat, trägt von Kopf bis Fuß Schutzkleidung und Atemschutzmasken, die die Luft filtern.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stufte die als Schweres Akutes Atemnotsyndrom (SARS) bezeichnete Krankheit als weltweite Bedrohung ein. In Genf sagte WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland: "Jetzt ist dieses Syndrom eine weltweite Bedrohung für die Gesundheit." Die Welt müsse zusammenarbeiten, um die Ursache herauszufinden und die Ausbreitung zu stoppen.

In Asien weitete sich die Infektion aus. In der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi starb am Samstag eine Krankenschwester. Nach Presseberichten handelt es sich um das neunte Todesopfer. Zuvor waren unter anderem in Kanada zwei aus Hongkong gekommene Patienten gestorben. Die Lungenentzündung soll bereits Mitte Februar in Südchina ausgebrochen sein.

Nach Angaben der WHO sind binnen der vergangenen Woche weltweit 150 Verdachtsfälle aufgetreten. In Vietnam, Hongkong und Singapur waren am Sonntag insgesamt mehr als 100 Menschen in Quarantäne, die meisten in Krankenhäusern.

Reisewarnungen für einzelne Länder gab die WHO zwar nicht heraus, doch sollten Reisende auf Symptome wie schnell auftretendes Fieber, Muskelschmerzen und Heiserkeit achten. In Italien setzte das Gesundheitsministerium Kontrollen an den Flughäfen in Rom und Mailand in Kraft. In Großbritannien und am Flughafen Zürich wurden Reisende aus Asien und Flughafenpersonal aufgefordert, auf Symptome zu achten.

In Frankfurt ist mit dem Arzt aus Singapur auch die 62 Jahre alte Schwiegermutter in Isolierbehandlung, die ebenfalls hohes Fieber, aber keine sonstigen SARS-Symptome zeigt. Die 30 Jahre alte Ehefrau, eine Kinderärztin, leide lediglich unter Kopfschmerzen und werde daher nur in Quarantäne gehalten. Die Frau ist in der 13. Woche schwanger.

Wie das hessische Sozialministerium am Sonntag mitteilte, waren von der Quarantäne der anderen Flugpassagiere 83 Deutsche, 57 Menschen mit anderen Zielländern, 80 Fluggäste, die nach Singapur weiterflogen, und 15 Crewmitgliedern betroffen. Die Menschen hätten "sehr vernünftig reagiert", sagte die Leiterin des Gesundheitsamtes, Sonja Stark. Sie wurden in "häusliche Quarantäne" entlassen und sollen bis zur Entwarnung ihr Zuhause nicht verlassen.

Die Gefahr, dass auf dem Flug jemand angesteckt wurde, sei "äußerst gering", sagte die Referatsleiterin Infektionsschutz im hessischen Sozialministerium, Angela Wirtz. Das Bordpersonal habe den Kranken und seine Begleiterinnen gesondert ans Ende des Jumbos gesetzt. Der Mann habe auch nicht gehustet. Gefahr bestehe eher für die Teilnehmer des medizinischen Kongresses in New York, an dem der Arzt teilgenommen hatte, sagte Brodt.

Experten des Universitätsklinikums sowie Spezialisten in Labors in Marburg, Hamburg und vom Robert-Koch-Institut in Berlin arbeiten unter Hochdruck an der Identifikation des Erregers. "Der Ausschluss einer Diagnose ist oft schwieriger als die Diagnose selbst", sagte Brodt. Vielleicht könne der Fall nie geklärt werden. Der Mann habe zwar typische Symptome, aber keinen Husten und keine Atemnot. "Wir wissen einfach zu wenig über das Krankheitsbild, um abschließend etwas sagen zu können."

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