WHO-Mediziner war für Untersuchungen in China
"Menschliche Virenschleudern" sollen SARS verbreiten

Die Ausbreitung der Lungenkrankheit SARS wird nach Ansicht des Mediziners Wolfgang Preiser von menschlichen Virenschleudern (Superspreader) verstärkt. Der Frankfurter SARS-Experte war gerade mit einem Team der Weltgesundheitsorganisation WHO in China gewesen. Er verwies auf einen Arzt aus Guangdong, der in Hongkong mehr als 100 Menschen infiziert hatte.

HB/dpa WIESBADEN/PEKING. Die Ursache dafür, dass einzelne Erkrankte so viele andere infizieren, müsse noch untersucht werden. Zudem wurde eine SARS-Übertragung innerhalb eines Flugzeuges bekannt. China schränkte unterdessen Reisen ausländischer Touristen wegen der gefährlichen Lungenkrankheit drastisch ein.

Die nationale Tourismusbehörde untersagte von sofort an Reisegruppen, die bereits im Land sind, nach Tibet, Zentral- und Westchina sowie in ländliche Gebiete zu reisen. Bereits vertraglich vereinbarte Reisen nach China, die nicht vor Ende Mai beginnen, "sollen verschoben werden", berichtete die Nachrichtenagentur China News Service am Dienstag mit Verweis auf die Tourismusbehörde. Der ausländische Tourismus in China ist wegen der Verbreitung des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS) ohnehin bereits dramatisch zurückgegangen, in Peking etwa um 80 %. Auch für Chinesen gelten scharfe Beschränkungen im innerchinesischen Reiseverkehr.

Eine erste SARS-Ansteckung im Flugzeug hat es nach Angaben des Leiters der Frankfurter Isolierstation, Hans-Reinhard Brodt, bereits Mitte März gegeben. Brodt berichtete, dass der am 15. März in Frankfurt gelandete SARS-Patient aus Singapur im Flugzeug eine Stewardess angesteckt hat. Die Frau habe dem gesondert sitzenden Mann nur ein Tablett gereicht. "Meines Wissens nach ist das der erste Nachweis einer Infektion im Flugzeug." Laut WHO waren bis zum Dienstagabend weltweit 5462 SARS-Fälle bekannt, 353 Patienten starben.

SARS wird nicht nur durch Tröpfcheninfektion übertragen

Das SARS-auslösende Coronavirus ist nach Angaben des Frankfurter Virologen Prof. Hans Wilhelm Doerr noch bis zu 25 Tage nach der Genesung im Stuhl nachzuweisen. "SARS wird also nicht nur durch eine Tröpfcheninfektion übertragen, es gibt auch eine Schmierinfektion." Glücklicherweise deuteten Laborbefunde aber darauf hin, dass Patienten dann am ansteckendsten seien, wenn sie die typischen Symptome zeigten.

Bei Kindern verläuft SARS einer Hongkonger Studie zufolge "kürzer und weniger aggressiv" als bei Jugendlichen und Erwachsenen. Experten der chinesischen Universität von Hongkong hatten zehn SARS-kranke Kinder untersucht. Während sich bei Teenagern ein ähnlicher Krankheitsverlauf wie bei Erwachsenen zeigte, standen bei Kindern mildere Symptome wie Husten und eine triefende Nase im Vordergrund.

10 % der Deutschen haben laut einer Forsa-Umfrage Angst vor einer Ansteckung mit SARS. 90 % gaben an, sich darüber keine Sorgen zu machen, stellte das Institut im Auftrag des Magazins "Stern" und des Fernsehsenders RTL fest. Allerdings glauben 41 %, dass sich SARS auch in Deutschland ausbreiten wird.

Unruhen in der nordchinesischen Stadt Tianjin

In der nordchinesischen Stadt Tianjin kam es unterdessen zu ersten Unruhen wegegn SARS. Dutzende aufgebrachter Anwohner verwüsteten ein leer stehendes Schulgebäude, das als Quarantänelager für Menschen mit Verdacht auf SARS umfunktioniert werden sollte, und steckten es in Brand. In China (ohne Hongkong) nahm die Zahl der Erkrankten um 202 auf 3303 zu. Die Zahl der Todesfälle stieg um neun auf 148. Knapp 10 000 Menschen sind bereits in Peking in Quarantäne genommen worden. Neue Krankenhäuser wurden speziell für SARS-Patienten ausgewiesen. Die Aktienmärkte in Schanghai und Shenzhen werden wegen SARS für mehr als eine Woche bis zum 12. Mai geschlossen.

Die südostasiatischen Staaten und China einigten sich auf ein Maßnahmenpaket im Kampf gegen SARS. An den Grenzen zwischen Ländern mit SARS-Fällen sollen unter anderem künftig strenge Gesundheitskontrollen eingerichtet werden, hieß es zum Abschluss einer Krisen-Konferenz des Verbandes der südostasiatischen Staaten (ASEAN) und Vertretern Chinas am Dienstag in Bangkok.

Kanada will wegen der SARS-Gefahr künftig einreisende Passagiere auf seinen internationalen Flughäfen mit Infrarotgeräten auf Fieber testen. Toronto ist die einzige Stadt außerhalb Asiens, in der Menschen an SARS gestorben sind. Die Krankheit hat inzwischen auch Neuseeland und Südkorea erreicht.

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