Wichtige Entscheidungen werden aufgeschoben
RWE-Konzern ist nicht arbeitsfähig

Im Mai sind die Führungsetagen des RWE-Konzerns arg ausgedünnt. Viele leitende Manager haben diesmal früher ihren Urlaub genommen als sonst.
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DÜSSELDORF. "Wichtige Entscheidungen werden zurzeit ohnehin nicht getroffen. Alles wartet eigentlich nur auf die eine Weichenstellung", schildert ein Energiemanager die Atmosphäre an der Spitze des 26-stöckigen RWE-Turms in Essen, dem Sitz der Konzernzentrale.

Im Juni wollen deshalb fast alle wieder an Bord sein. Denn zwei Stunden vor dem nächsten regulären Aktionärstreffen tagt der 20-köpfige Aufsichtsrat. Am 6. Juni um acht Uhr. Spätestens dann muss Aufsichtsratschef Friedel Neuber eine Lösung für das wohl zurzeit drängendste Personalproblem an der Spitze eines deutschen Konzerns präsentieren. Schon seit Monaten warten die RWE-Führungskräfte gespannt auf die erlösende Nachricht, wer neuer Chef an der Spitze des größten deutschen Energiekonzerns mit einem Umsatz von 55 Milliarden Euro und 160000 Mitarbeitern wird. Der seit 1995 amtierende RWE-Chef Dietmar Kuhnt, 64, wird Ende des Jahres pensioniert.

Neuber, bis voriges Jahr Chef der WestLB, läuft die Zeit davon. Knapp sechs Wochen bleiben ihm, einen neuen Mann zu finden. Erst im Januar hat der Personalausschuss im Aufsichtsrat damit begonnen, einen Kuhnt-Nachfolger auszuspäen.

Warum die Suche so schwierig ist

Die Suche gestaltet sich so schwierig, weil mehrere Interessengruppen ihren Einfluss bei der Kandidatenkür geltend machen. Und weil sich im Eigentümerkreis die Machtverhältnisse verschoben haben. Denn alte SPD-Seilschaften, die noch über Neubers WestLB-Schiene und über die kommunalen Aktionäre alles bestimmten, funktionieren nicht mehr reibungslos, seit in vielen Städten Nordrhein-Westfalens CDU-Bürgermeister das Sagen haben. Die Großaktionäre wollen einen neuen Chef, der den Energieriesen auf mehr Effizienz und Shareholdervalue trimmt, während das Arbeitnehmerlager im Aufsichtsrat vor allem einen noch härteren Sparkurs verhindern will. Es wird getrickst, jeder versucht den anderen auszubremsen.

Drei Epizentren der Macht prägen traditionell den RWE-Aufsichtsrat. Auf der starken Arbeitnehmerbank mit insgesamt zehn Mandaten sind gleich zwei mächtige Gewerkschaften vertreten: Verdi mit ihrem Vorsitzenden Frank Bsirkse und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) mit ihrem Vizechef Klaus-Dieter Südhofer. Die zweite Kraft war immer schon das Gewirr der Kommunen: Über 100 Gemeinden halten rund 35 Prozent des Aktienkapitals. Dem Aufsichtsrat gehören drei Oberbürgermeister von großen NRW-Städten an, zwei davon sind SPD-Mitglieder, einer vertritt die CDU. Einschließlich Neuber, der als Vertreter der Gemeinden gilt, stellen sie fünf Mandate. Stärkster Vertreter unter ihnen im Kontrollgremium ist - nach Neuber - der Osnabrücker Oberkreisdirektor Heinz-Eberhard Holl, CDU, Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen RWE-Aktionäre (VkA). Die dritte Kraft der privaten Kapitalseite stellt die restlichen fünf AR-Mitglieder, darunter Bayer-Aufsichtsratschef Manfred Schneider. Angeführt wird die Gruppe von Allianz-Finanzchef Paul Achleitner. Zu ihr wird auch der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Karel Van Miert gerechnet, den Achleitner zu RWE holte.

Kein Konsens

Aus jeder dieser drei Gruppen gehört ein Mitglied dem Personalausschuss an, der Vorschläge für die Besetzung der Topposition machen soll. Neuber sitzt darin für die Kommunen, Achleitner für die privaten Großaktionäre und Gewerkschaftler, Südhofer für die Arbeitnehmerseite. Das Trio tut sich bisher schwer damit, einen konsensfähigen Kandidaten zu präsentieren. Vor allem Südhofer fordert einen RWE-Chef, der nicht alles auf den Kopf stellt und mit hartem Sparkurs die Welt der RWE durcheinanderbringt. Am liebsten wäre ihm ein altgedienter RWE-Mann, auf den Verlass ist. Neuber und Achleitner präferieren eine Lösung von außen, jemand mit frischer Kraft.

Auf einen Kandidaten hätten sich die drei verständigen können. Und der hätte auch gut zu RWE gepasst. Doch er will nicht. Preussag-Chef Michael Frenzel sagte dem Gremium ab. Als ehemaliger Chef der WestLB-Beteiligungsverwaltung und Exratsherr von Duisburg weist Frenzel Erfahrung in der kommunalen Wirtschaft auf. Ihm hätte man zugetraut, den Spagat zwischen allen RWE-Fronten zu meistern. Mit Frenzel - SPD-Mitglied und als Aufsichtsratschef der Bahn Vertrauensmann des Kanzlers - hat zudem die Arbeitnehmerbank keine Probleme. Aber Frenzel will sich nicht bei RWE verheizen lassen.

Ein Nein kam auch von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Der Maschinenbauingenieur gilt als SPD-nah, seitdem er öffentlich auf Helmut Kohl schimpfte ("Von Wirtschaft hat der keine Ahnung") und Gerhard Schröder lobte ("der hört zu"). Dass er seit seinem Amtsantritt bei Porsche 1992 den Kurs verzwanzigfachte, war ein Plus in den Augen von Achleitner. Neuber und Südhofer gefiel die konsensoriente Seite des Porsche-Chefs und seine Ablehnung allzu harter Sanierungsschnitte bei der Belegschaft ("Profitorientierung ist zu wenig"). Doch Wiedeking sagte ab - ohne Neuber gesprochen zu haben. Bei RWE gibt es im Chefsessel nur zwei Millionen Euro im Jahr, bei Porsche 8, 5 Millionen Euro.

Interne Kandidaten wieder in der Diskussion

Weil es von draußen bisher so nur Körbe gab, werden jetzt auch wieder interne Kandidaten in Position gebracht. So soll RWE-Finanzchef Klaus Sturany nun doch als potenzieller Kuhnt-Nachfolger weiter im Rennen sein. Der hatte den Chefposten schon abgehakt, zu stark schien die Fraktion, die eine externe Lösung befürwortete. Er muss aber mit Widerstand aus dem Gewerkschaftslager rechnen: Er sei zu fordernd, "zu amerikanisch". Südhofer und Bsirske lehnen ihn deshalb ab.

Die eher beharrenden Kräfte im Aufsichtsrat sehen dagegen immer noch Richard Klein als ideale Lösung. Der ehemalige Oberstadtdirektor von Duisburg und jetzige Mergers & Akquisitions-Chef hat die neuen RWE-Beteiligungen American Water Works und Thames Water gekauft. Wegen dieser erfolgreichen Transaktionen galt Klein noch bis vor kurzem als idealer Kuhnt-Nachfolger aus eigenen Reihen. Doch dann machte ihm der Müllskandal in einen Strich durch die Karriere. Er war bis 2000 für das Müllgeschäft verantwortlich.

Jetzt wollen die Arbeitnehmer jedenfalls nicht länger hinnehmen, dass das Trio um Neuber die Fahndung nach dem Kuhnt-Nachfolger im Verborgenen betreibt. Deshalb soll jetzt gegen den Willen Neubers kurzfristig eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen werden. Neuber hatte die Arbeitnehmer vor allem damit aufgebracht, dass er den Aufsichtsrat über potenzielle Kandidaten per Umlaufverfahren informieren wollte. Ein Votum für oder gegen einen Vorschlag wollte Neuber auf dem Schriftwege einholen. Auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am Pfingstmontag soll nur ein Tagesordnungspunkt behandelt werden: die Kandidatensuche. Aber auch dieser Termin wird torpediert. Er könne an diesem Tag nicht, ließ Achleitner die Arbeitnehmer wissen.

RWE-Kenner sehen in dem Vorstoß einen Versuch der Arbeitnehmer, dem Trio weitere Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Denn je länger die Suche nach einem Externen erfolglos bleibt, desto größer werden die Chancen von Klein. Der SPD-Mann wäre ein Kompromisskandidat, den auch die Arbeitnehmer akzeptieren könnten, sollte sich der Aufsichtsrat bis zur außerordentlichen Sitzung nicht auf Sturany einigen.

Ob Neuber, Achleitner und Co. noch einen externen Kandidaten aus der Kiste zaubern können, wird immer unwahrscheinlicher. Denn zum einen schreckt die Creme der deutschen Topmanager vor dem schwierigen Job zurück. Und arbeitsfähig ist der Personalausschuss in den nächsten Tagen nicht: Neuber tritt eine zweiwöchige Seereise mit dem Kreuzfahrtschiff MS Europa an, Südhofer ist krank und möglicherweise noch für Wochen ans Bett gefesselt. Nur Achleitner kann Kandidaten empfangen, aber allein kaum Entscheidungen treffen.

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