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Wider die Mär vom Systemversagen

John Plender belegt: Nicht Marktwirtschaft, sondern Interessenpolitik behindert den globalen Wohlstand

SASCHA  POTSDAM

HANDELSBLATT, 16.7.2003

 

Die Märkte der globalisierten Welt funktionieren nicht so, wie sie funktionieren sollten. Dieser weit verbreiteten und kaum zu widerlegenden Aussage stimmt auch John Plender, altgedienter Kolumnist der "Financial Times", in seinem neuen Buch zu. Dennoch unterscheidet sich seine Diagnose der Probleme der Finanz- und Wirtschaftsarchitektur wohltuend von anderen aus den letzten Jahren: von jenen Analysen, die sich in populären Gemeinplätzen und Schuldzuweisungen an den "Turbokapitalismus" erschöpften.

Das Spektrum von Plenders Themen reicht von den Skandalen um die Bilanzierungspraktiken von Unternehmen wie Enron bis hin zu den großen Finanzkrisen in Südostasien oder Argentinien. All das hat zu einem Legitimationsverlust geführt, sei es bei Betroffenen in den Entwicklungsländern, oder bei Kleinaktionären in den Industrieländern.

In vielen Ländern wird bis heute zu wenig und zu kurzfristig investiert, gleichzeitig breiten sich Finanzkrisen schneller aus. Die Führungsetagen vieler Unternehmen bereichern sich auf Kosten der Aktionäre - und das unter dem Banner des Shareholder Value. Der oft wohlbegründete Mangel an Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Führungen von Unternehmen bedroht das System der Marktwirtschaft als Ganzes.

Gerade weil Plender dieses System aber für die einzige Chance hält, Wohlstand für die ganze Welt zu schaffen, will er den Ursachen für Probleme auf den Grund gehen: Warum haben die Liberalisierung der Kapitalmärkte und die politische Prioritätenliste, die als Washington Consensus bekannt ist, nicht auf allen Gebieten und nicht überall die Erfolge gebracht, die sie verhießen?

Laut Plender zunächst deshalb, weil in der Praxis die Grundwerte, die insbesondere dem "angloamerikanischen Modell" des Kapitalismus zugrunde liegen, im letzten Jahrzehnt immer weniger Geltung hatten. Nicht umsonst wird die gegenwärtige Entwicklung immer wieder mit der Phase gegen Ende des 19. Jahrhunderts verglichen, die sich auch als Globalisierung beschreiben ließe. Solche Vergleiche erhellen viele Trends, die heute zu Problemen, aber auch zu den riesigen Fortschritten der Weltwirtschaft geführt haben. Fehler, die auf allen Ebenen gemacht wurden, sind keine Fehler des Systems, sondern liegen eher in einer teilweisen Pervertierung der Idee einer freien Wirtschaft.

Die Kritik an den politischen Entscheidungsträgern vor allem in den USA lässt dabei an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sie sind in vielen Fällen zu stark von Einzelinteressen abhängig. Viele staatliche Institutionen haben sich als kontraproduktiv erwiesen. Gut gemeint ist eben allzu oft das Gegenteil von gut. So wird durch faktische Garantien des Staates die Verantwortlichkeit der Unternehmen und der Kreditgeber geschwächt - sei es im Inland oder auf den internationalen Kreditmärkten. In dieser Richtung ist es übrigens ein Hoffnungszeichen, dass die US-Regierung Enron letztlich nicht gerettet hat.

Bezogen auf die Globalisierung lautet der Hauptvorwurf an westliche Regierungen, dass sie mit doppelten Standards arbeiten: Während sie von den Entwicklungsländern Freihandel, Transparenz und Budgetdisziplin fordern, vernachlässigen sie selbst diese Werte je nach politischer Stimmungslage.

Ein wichtiger Aspekt, der in der Öffentlichkeit oft schamhaft verschwiegen wird, ist, dass auf einem besonders wichtigen Markt bis jetzt noch kaum Mobilität herrscht: auf dem Arbeitsmarkt. Die Industriestaaten - und unter ihnen in besonderer Weise die der Europäischen Union - schotten ihre Arbeitsmärkte nach außen ab und fügen so vielen Menschen jenseits ihrer Grenzen erheblichen Schaden zu.

Auch Regulierungen im Bankensektor behindern direkt den Kapitaltransfer in Entwicklungsländer. Viel bedenklicher als für den deutschen Mittelstand sind die Eigenkapitalbestimmungen von Basel II für die Kreditversorgung von Volkswirtschaften, die sich in einem Transformationsprozess befinden.

Folgerichtig sind dann die Fingerzeige, die Plender für eine Verbesserung des Systems gibt: Zunächst weist er den Weg zurück zu den Wertvorstellungen von Transparenz und Verantwortlichkeit gegenüber Aktionären. Er mahnt, wirklich zu einer Kultur des Shareholder Value zu kommen: Also langfristig Wert für die Eigentümer zu schaffen. Aber der Autor beschränkt sich nicht auf moralische Appelle. Er macht zahlreiche Detailvorschläge, wie Regulierungen intelligenter gestaltet werden könnten. Sie sollten Eingang in die politische Diskussion finden.

Das Buch von John Plender ist eine gleichzeitig kritische und unaufgeregte Bestandsaufnahme von Globalisierung und internationaler Finanzarchitektur. Es ist auch deshalb zu empfehlen, weil sich immer wieder erwiesen hat, dass sowohl in der Wirtschaft als auch im politischen Raum mit schrittweisen Verbesserungen, wie sie hier diskutiert werden, mehr erreicht wird als mit einfachen Heilsbotschaften. Plender schöpft seinen Optimismus, der das ganze Buch durchzieht, daraus, dass es gerade die ständige Anpassungs- und Verbesserungsfähigkeit war, die den Kapitalismus zu einem Erfolgsmodell gemacht hat.

Der Rezensent ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam.

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