Wie Bürokratie Unternehmen behindert
Minijobs mit maximalem Aufwand

Die Neuregelung der 325-Euro-Jobs hat Arbeitnehmer wie Arbeitgeber vergrätzt. Die einen kündigten in Scharen, die anderen beklagen seitdem den enormen Verwaltungsaufwand.

DÜSSELDORF/BERLIN. Vor gar nicht langer Zeit waren die 630- Mark-Jobs - jetzt 325-Euro-Jobs - ein beliebtes Steuerspar-Modell des kleinen Mannes: Brutto war meist netto, denn der Arbeitgeber zahlte die Steuer pauschal. Die rot-grüne Bundesregierung überarbeitete das Modell und setzte ihre Ideen in einer Gesetzesnovelle um, deren Folgen noch heute an fast jeder Ladentheke zu spüren sind. Einer Kienbaum-Studie zufolge hängten rund 600 000 geringfügig Beschäftigte ihren Minijob an den Nagel.

Vor dem 1.4.1999 mussten die Arbeitgeber für jeden "geringfügig Beschäftigten" pauschal knapp 23 % Steuern an das Finanzamt abführen. "Es gab nur eine Fallkonstellation", fasst Heribert Jüris, Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin, zusammen. Mit der Neuregelung ist das anders. Neben der Steuer, die jetzt meist an den Arbeitnehmern hängen bleibt, müssen die Arbeitgeber 10 % Krankenversicherungsbeitrag und 12 % Rentenbeitrag abführen. Dabei sind allein 80 bis 90 verschiedene Krankenkassen zu berücksichtigen. Wie Jüris berichtet, gibt es "heute 19 verschiedene Fallkonstellationen, nach denen ein geringfügig Beschäftigter eingestellt werden kann". Angesichts von schätzungsweise vier Millionen Minijobs lässt sich erahnen, welcher Aufwand zu bewältigen ist.

Auch die Teile der Hartz-Reform, über die heute der Bundestag berät, bringen nur bedingt Besserung. Zwar können Minijobber bei Arbeiten in privaten Haushalten jetzt statt 325 Euro 500 Euro verdienen; und für Sozialabgaben muss lediglich eine Pauschale von zehn Prozent abgeführt werden. Aber für die Geringverdiener in der gewerblichen Wirtschaft ändert sich nichts.

Dabei hatten die gebeutelten Branchen - vom Einzelhandel über das Gaststättengewerbe bis zum Botendienst der Zeitungen - sehnlich auf Besserung gehofft. Berndfried Dornseifer, Tarifexperte des Handelskonzerns Rewe, beklagt, die Reform habe die Minijobs um 20 % verteuert. Bei Rewe arbeitet jeder zehnte der 140 000 Beschäftigten auf 325-Euro-Basis.

Im deutschen Einzelhandel sind nach Schätzung des HDE durch die Neuregelung etwa 100 000 Stellen weggefallen. Sie würden bei einer "praxisorientierten Reform" des Gesetzes sofort wieder entstehen, sagt Verbandsgeschäftsführer Jüris. Denn als Folge der Neuregelung habe der Handel den Service eingeschränkt oder mit Überstunden und Arbeitsverdichtung gegengehalten.

Die Kölner Rewe beklagt regelrechte Engpässe, beispielsweise bei Jobs wie Regalpflege. Deutschlands Hoteliers und Gastwirte sind besonders hart getroffen. Laut Dehoga-Geschäftsführerin Ingrid Hartges war hier der Anteil der Nebenjobber - Aushilfskochs oder Kellner - besonders groß.

Die 325-Euro-Stellen seien klassische Zweitjobs, bestätigt Thomas Greiner, Sprecher des Berliner Unternehmens Dussmann, das Dienstleistungen wie Speisenlieferung oder Haustechnik anbietet. Hier sank die Zahl der Nebenjobber seit 1999 von 2 900 auf 1 500. Ein Teil sei in Teilzeitjobs umgewandelt worden. Andere hielten trotz Einbußen an den Minijobs fest. "Ohne meinen Nebenjob kann ich mir keinen Urlaub leisten", lautet die Begründung von Taxifahrern, Babysittern, Kellnern oder Pizza-Kurieren.

Vor der Reform stellten die Nebenjobber 40 % der geringfügig Beschäftigten im Gastgewerbe, heute ist deren Zahl verschwindend gering, sagt Dehoga-Geschäftsführerin Hartges. Sie fürchtet, dass ein Teil dieser Arbeitnehmer nach der Reform in die Schwarzarbeit geflüchtet ist.

Der Wirtschaft ist aber auch die starre Einkommensgrenze ein Dorn im Auge. "Früher wurden die Grenzen der 630-Mark-Jobs nach oben angepasst", erklärt HDE-Geschäftsführer Jüris. Die Folgen lassen sich bei der Real-Gruppe sehen. Hier sind die geringfügig Beschäftigten tariflich eingruppiert und haben Anspruch auf Einkommenserhöhungen, Weihnachts- und Urlaubsgeld. Da aber jeder zusätzliche Euro den Arbeitnehmer in die volle Sozialversicherungs- und Steuerpflicht treibe, griffen die Arbeitgeber auf Arbeitszeitverkürzungen zurück, berichtet Real-Manager Hubert Frieling. Die Konsequenz: Die Beschäftigten arbeiteten immer weniger. Dabei hätten sie einen ganz anderen Wunsch: mehr Geld verdienen.

In der nächsten Folge lesen Sie: Die EU schlägt zu.

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