Wie das Duo Ecclestone/Mosley die Formel 1 und den Weltverband FIA in Szene setzt
Stets staatsmännisch

Für Überraschungen ist die FIA mit ihrem Präsidenten Max Mosley immer gut. Zuletzt bei der Regelreform der Formel 1. Dabei bewegt sich der Verband gern im eigenen Rechtsraum.

HB DÜSSELDORF. Eine idyllischere Rennstrecke als den A1-Ring in der Steiermark kann man sich kaum vorstellen, doch wenn die Formel 1 dort an diesem Wochenende den vorerst letzten Großen Preis von Österreich austrägt, dann wird die Rennstrecke auch als Austragungsort des "Grand Prix der Schande" in Erinnerung bleiben. Nach Momenten wie dem kurz vor Schluss von der Box befohlenen Platztausch der Ferrari-Piloten Michael Schumacher und Rubens Barrichello im Vorjahr rückte jene Behörde in den Mittelpunkt, die sich in der schillernden Rennwelt unauffällig, aber machtvoll im Hintergrund hält: Die Fédération Internationale de l?Automobile, kurz FIA.

Nach vorn repräsentieren die Rennstallbesitzer, die Vorstände der Automobilindustrie und vor allem Renn- Promoter Bernie Ecclestone den Formel-1-Zirkus, aber der Mann mit dem Zylinder des Direktors heißt in Wirklichkeit Max Mosley. Dessen Horizont reicht weit über das Fahrerlager hinaus, nicht nur, weil er aus seinem Londoner Büro weit über Lord Nelson und den Trafalgar Square blicken kann. Der 63 Jahre alte Jurist, dem englischen Geldadel entstammend, betreibt den FIA-Posten ehrenamtlich. Aus dieser Gelassenheit heraus ist er zum aktivsten und populärsten Präsidenten jenes Verbandes geworden, der im nächsten Jahr seinen 100. Geburtstag feiert und 150 nationale Automobilklubs aus 117 Ländern repräsentiert. Mosley ist somit Lobbyist für 100 Mill. Automobilisten weltweit. Unter seiner Ägide hat sich der Weltverband in elf Jahren emanzipiert.

Partnerschaftlich, jedenfalls im Prinzip, ist das Verhältnis zur Formel-1- Weltmeisterschaft - der lukrativsten aller von der FIA sanktionierten Rennserien, zu denen auch Rallyes, Bergrennen und Solarmobil-Wettfahrten zählen. Es ist ein Geben und Nehmen auf höchstem Niveau. Weshalb es nicht unumstritten, aber fast zwangsläufig war, dass Promoter Ecclestone - ein alter Rennsport-Weggefährte Mosleys - jahrelang in Personalunion Vizepräsident der gemeinnützigen FIA war.

300 Millionen US-Dollar für Vermarktungsrechte

Bis die europäische Wettbewerbskommission einschritt. Im April 2001 musste der Verband die Vermarktungsrechte komplett für den Zeitraum von 100 Jahren "vermieten". Den Zuschlag bekam die SLEC-Holding, die damals zu 75 Prozent der Kirch-Gruppe und zu einem Viertel der Ecclestone-Familie gehörte. Über den Preis wurde Stillschweigen bewahrt, es soll sich um über 300 Mill. US-Dollar gehandelt haben. Im Gegenzug trat Bernie Ecclestone von seinem Funktionärsposten zurück, die FIA partizipiert nicht mehr weiter prozentual am Rechtekuchen.

Richtungweisende Entscheidungen der FIA trifft nicht allein der Präsident, sondern eine Art Vollversammlung namens World Council sowie die 22 sportlichen Unterkommissionen, in denen die Fachleute die Geschicke lenken. Beachtung findet aber meist nur das FIA-Berufungsgericht. Das tagt am eigentlichen Hauptsitz des Verbandes am Place de la Concorde in Paris.

Auch im Fall der vermeintlich schändlichen Stallorder von Ferrari im Vorjahr wurde dort Recht gesprochen. Heraus kam ob der dehnbaren Auslegung vieler Formel-1-Paragraphen ein beinahe salomonischer Schiedsspruch: Da dem Teambefehl nicht juristisch beizukommen war, die Öffentlichkeit aber beruhigt werden sollte, wurden die Piloten zu einer Geldstrafe in Höhe von 500 000 Dollar verurteilt. Die bemühte Begründung: Schumacher haben seinen Kollegen Barrichello auf die oberste Podeststufe gestellt und damit regelwidrig die Siegeszeremonie gestört.

Eigener Rechtsraum

Generell hat sich die Formel 1 durch ihr eigenes Organisations- und Vermarktungsabkommen ("Concorde Agreement") einen eigenen Rechtsraum geschaffen, in dem Änderungen nur durch Einstimmigkeit unter den Teamchefs herbeiführt werden können; die FIA ist als Sport- und Regelbehörde geduldet. Jedenfalls galt das bis Anfang Januar, als Mosley in der Sorge um die Finanzierbarkeit und Attraktivität der Serie im Eilverfahren neue Regeln diktierte. Oder besser: die bestehenden Paragraphen strenger auslegte.

Ein juristischer Kniff, um die PS- Branche zu mehr Kostenbewusstsein zu zwingen. Ein schmaler Grat, wenn sich eine der Neutralität verpflichtete Institution in die Geschicke der Teilnehmer einmischt, aber staatsmännisch begründet: "Die FIA musste handeln, da ernste Probleme der Formel 1 den weltweiten Motorsport auf allen Ebenen beeinträchtigen würden."

Noch ist nicht klar, welche Rolle der Weltverband in einer für 2008 angedachten Hersteller-Serie spielen wird. Einerseits will die FIA ihre Unabhängigkeit demonstrieren, andererseits muss sie aber darauf bedacht sein, weiter einen wichtigen Part in der wichtigsten Rennserie zu haben. Es wird eine Frage der Kompromissbereitschaft sein - und des politischen Geschicks. Darin haben Verband und Präsident, bisher eher den Gegnern der Konzern-Meisterschaft zuzurechnen, jahrelange Übung. Gestählt vor allem im Streit mit der Europäischen Union, der wegen des um ein Jahr auf 2005 vorgezogenen Tabakwerbeverbots in die nächste Runde geht.

Alle Dokumente unterzeichnet der ausgezeichnet deutsch sprechende Mosley ausgerechnet mit einem Füller der EU, und das verschmitzte Lächeln des Präsidenten verwandelt sich dabei bisweilen in ein souveränes Schmunzeln. Auto-Kraten scheinen Eurokraten kaum zu fürchten.

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